Musikapps: Neues Lernmedium für den Instrumental- und Vokalunterricht – Musikschulkongress 2017

Matthias Krebs | 9. Juni 2017

Der Musikschulkongress 2017 in Stuttgart fokussierte explizit die Frage, wie sich Musikschule im Zuge der Digitalisierung verändern muss, will sie „einerseits nicht von den Entwicklungen abgehängt, andererseits nicht abhängig gemacht werden“ (aus dem Grußwort des Kongressprogramms). Mittlerweile haben viele Musikschullehrer_innen im privaten Umfeld die Vorteile von Smartphone und Tablet kennengelernt und werden auch zugänglicher für die Integration von digitalen Technologien in ihr Arbeitsfeld. Dennoch werden die Relevanz des Digitalen und die damit verbundenen Veränderungen, die selbst für den „klassischen“ Instrumental- und Vokalunterricht gelten, nur an der Oberfläche diskutiert.

Mit meinem Vortrag zu den Themen „Formen musikalischer Praxis mit digitalen Musiktechnologien“ sowie „digitale Lerntechnologien“ habe ich einen Überblick gegeben. Dabei zeichnete ich Chancen und Herausforderungen aktueller Entwicklungen anhand von Fallbeispielen nach. Ziel war es, auf Grundlage eines vertieften Verständnisses, zu erreichen, dass das Publikum mit den Technologien im Unterricht offener und sicherer umgeht und es eigene Erwartungen und Widerstände vor einem breiten Spektrum reflektieren kann. Bestandteil der Präsentation war auch eine Auswahl an Musikapps, die verschiedene Ansätze bieten, den Unterricht methodisch zu erweitern.

In diesem Blogbeitrag will ich noch einmal zentrale Punkte meines Vortrages herausheben und sie um weitere Beispiele und Gedanken ergänzen. Auch stehen hier die Vortragsfolien als pdf zum Download bereit, inklusive der Applisten für iOS und Android (siehe weiter unten).

Eine Modernisierung der Musikschularbeit: Die App Sonoptic (iOS) kann dem Musizierenden Feedback auf Tonhöhe, Rhythmus und Dynamik geben. Mit Musikapps wie dieser lassen sich Erarbeitungs- und Übeprozesse sowohl Zuhause als auch im Unterricht unterstützen.

Die Affinität unserer Jugendlichen zu digitalen Technologien ist allgegenwärtig, ihre Lebenswelten sind eng mit digitalen Medienangeboten verknüpft. In der digitalen Welt verschmelzen Produktion, Reproduktion und Rezeption. Das hat Auswirkungen auf ihren Umgang mit Musik. Dabei stellt das Smartphone ein zentrales Element der Digitalen Transformation dar, was Veränderungen des Alltagshandelns durch die Verwendung digitaler Technologien beschreibt. Apps stellen dabei Schnittstellen zu digitalen Inhalten, Steueroberflächen für Dinge sowie Programmanwendungen zur Medienproduktion bereit, die per Touch verfügbar sind. Musikalische Präferenzen, aber auch die Experimentierfreude von Schüler_innen bezüglich eigener Arrangements werden durch die Nutzung der neuen Medien beeinflusst.

Doch handelt es sich nicht um ein reines Jugendphänomen: Ob soziale Netzwerke, WhatsApp, Games oder kleine Problemhelfer-Apps – der Umgang mit digitalen Technologien ist für die meisten Musikschüler_innen (jeden Alters) und Musikschul-Lehrer_innen längst zur festen Größe im Alltag geworden. Doch im Unterricht werden digitale Technologien verbannt oder eher flüchtig in den Unterricht einbezogen und es bleiben Potenziale ungenutzt.

Mensch-Netz-Musik – Musikschulkongress 2017

Im Grußwort der Kongresszeitung des Musikschulkongresses in Stuttgart ist das Motto zu lesen: „Mensch.Netz.Musik […] Musikschulen machen sich […] zu neuen Wegen auf.“ 1.500 Teilnehmer_innen nutzten drei Tage ein breit gefächertes Programm mit über 60 Fortbildungsveranstaltungen, Diskussionsforen und Plenumsvorträgen zu aktuellen musikpädagogischen und bildungspolitischen Themen. Darunter eine ganze Reihe an Veranstaltungen zum Thema Digitalisierung des Instrumentalunterrichts mit den Titeln „Neue Medien im Gitarrenunterricht“, „Musikunterricht via Skype“, „Social Media im Musikschulalltag“ und „Teach-On-Demand“ und weitere (Link zum Programm).

Die Bildungswelt im Wandel bedeutet meiner Auffassung nach, dass vielfältige Angebote geschaffen werden müssen, um Menschen Wege zu eröffnen, sich musikpraktisch betätigen zu können und schließlich sich so neue Frei- und Spielräume für Kreativität und Partizipation zu eröffnen. Hierin sehe ich den Aufgabenkern einer modernen Musikschule, die sich von einem materiellen Bildungsbegriff (Bildungskanon) hin zu einem reflexiven Bildungsbegriff, der Bildung als Welt- und Selbstverständigung auffasst, wendet. Diese Aufgabe kann erfüllt werden, wenn mit Veränderungsprozessen konstruktiv umgegangen wird, wie es auch das Leitbild der öffentlichen Musikschulen im VdM vorsieht: „Nur wer sich verändert, bleibt sich treu!“. Dabei kommt man an der Digitalisierung heute nicht mehr vorbei.

Jedoch können digitale Technologien für sich genommen noch kein Bildungsangebot darstellen, sondern fungieren zunächst als Werkzeuge zum Musizieren, egal ob als Übebegleiter oder gar in der Funktion eines digitalen Instruments. Das bedeutet auch, dass der Präsenzunterricht seine große Bedeutung behalten wird. Aber dazu muss das Angebot relevant sein (in Bezug auf Inhalte, Methoden und Technologien) und kann nicht allein in der Reproduktion eines kulturellen Erbes aufgehen – etwa indem eine Gegenwelt zur digitalisierten Alltagswelt geschaffen wird. (Bildung verstanden als reflektiertes Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt, bei dem der Mensch seine geistigen, kulturellen und lebenspraktischen Fähigkeiten sowie seine persönlichen und sozialen Kompetenzen in einem lebensbegleitenden Prozess erweitert.)

Ein Weg, sich digitale Technologien und ihre Bildungspotenziale nutzbar zu machen, ist das Miteinander von Instrumental-/Vokalpädagog_innen und ihren Schüler_innen in der gemeinsamen Erschließung von künstlerischen Erfahrungswelten. Das bedeutet auch eine Auseinandersetzung mit Erwartungen (von Schüler_innen, Eltern und Kolleg_innen) und etablierten Routinen – was mit Arbeit verbunden ist -, mit dem Ziel der Entwicklung neuer Handlungsmöglichkeiten und der Erlangung veränderter Perspektiven auf den Gegenstand künstlerischer Praxis.

Digitale Technologien als Lernmedien im Instrumental- und Vokalunterricht

In meinem Vortrag gab ich im ersten Teil einen Überblick über das Thema „Appmusik und Musikapps“ sowie Einblicke in aktuelle Projekte an der Forschungsstelle Appmusik. Ziel war es, anhand konkreter Fallbeispiele aufzuzeigen, wie vielfältig und ausdifferenziert sich appmusikalische Praxen entwickeln.

Im zweiten Teil wurden verschiedene digitale Technologien vorgestellt, die von großen Nutzergruppen bereits als Lernmittel genutzt werden. Neben YouTube-Tutorials haben auch Online-Portale und Apps eine weite Verbreitung und bieten strukturierte Lernwege an. Hinzu kommen digitale Übungsgeräte, die eine Brücke zwischen klassischen Instrumenten und virtuellen Umgebungen herstellen können, wie das folgende Beispiel zeigt:

Beim Anschauen des Werbevideos von jamstik+ kann man sich echauffieren und feststellen, dass diese Form des Lernens herzlich wenig mit dem zu tun hat, wie im Instrumental- und Vokalunterricht an Musikschulen musikpraktische Fertigkeiten vermittelt werden. Wie aber können Unterricht und Vermittlung aussehen, bei denen neue Bedarfe erkannt und aufgenommen werden und die dabei nicht ins Leere laufen? Digitale Technologien allein als Übe-Motivatoren oder als Spielzeug-Instrumente für den Einstieg zu betrachten, greift zu kurz. Vielmehr muss klar definiert sein, welches pädagogische Leitbild verfolgt wird, dass den Bedürfnissen der Lernenden in einem komplett veränderten Umfeld entsprechen kann. Bei diesen Fragen setzt der dritte Teil des Vortrages an.

Der dritte Teil setzt sich anhand verschiedener Beispiele (z.B. Veränderung durch Digitalisierung – Lernen von anderen Branchen) näher mit Bedingungen der Veränderungsprozesse im Zuge der Digitalisierung auseinander.

Im Mittelteil habe ich eine Anzahl von Musikapps vorgestellt, die als Hilfsmittel, Übebegleiter, Trainer oder Musizierbegleiter fungieren können.

Im abschließenden fünften Teil habe ich eine Gegenüberstellung von verschiedenen Lehr-Lern-Formen versucht.

An dieser Stelle will ich allen Interessierten den kompletten Foliensatz meines Vortrages zum Download zur Verfügung stellen. Darin enthalten sind auch zahlreiche Links, die auf weiterführende Artikel, Tutorials und Videos verweisen.

Hier können Sie die Folien im pdf-Format herunterladen:

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Klicke hier auf’s Bild zum Download (pdf)

Gerne stelle ich mich der weiteren Diskussion zu diesem Thema und bin dankbar für Tipps und Erfahrungen zu den genannten oder anderen Apps. Sie können ganz einfach über den Kommentarbereich (siehe unten) beteiligen!

Weiterführende Links:

 

Viele offene Fragen zum konkreten Einsatz von digitalen Musiktechnologien in Bildungsangeboten

In der Podiumsdiskussion „Zwischen Beats und Bytes – smarte Wege für Musikschulen“ (geleitet von Theo Geißler) ging es um die Frage, wie Lehrkräfte und die Institution Musikschule angemessen auf den digitalen Wandel reagieren können und darum, möglichst konkrete Anforderungen und Aufgabenstellungen für die Musikschulwelt zu identifizieren und zu formulieren.

Auf der Bühne waren sich die Diskutanten (darunter auch der Verbandsvorsitzende Prof. Rademacher) einig, dass im Rahmen von Musikschule mehr getan werden muss, um die digitale Alltagswelten in die musikalischen Bildungsangebote nachhaltig zu integrieren. Das heißt auch über die Verwendung von z.B. Apps als Hilfsmittel hinaus, sich dem kreative Potenzial zu öffnen, um es nutzbar für ästhetische Erfahrungen zu machen.

Podiumsdiskussion „Zwischen Beats und Bytes – smarte Wege für Musikschulen“ mit Philipp Krechlak, Prof. Ulrich Rademacher, Juana Zimmermann, Matthias Krebs und Theo Geißler. Foto: VdM / Heiderich

Notwendig erachte ich eine Beschäftigung mit der Frage, „wie sich Musikschule im Rahmen einer digitalisierten Bildungswelt positioniert“. In diesen Innovationsprozess müssen alle Akteure konsequent einbezogen werden und gestaltet sich als eine fortwährende Suchbewegung, die nach Funktionen der digitalen Technologien fragt und dabei Bedingungen des jeweiligen Handlungskontextes mit einbezieht. Das bedeutet auch stets zu reflektieren: „Verstehen wir die Fragen und Interessen der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen?“ und „Wie lässt sich institutionalisierte Bildung so gestalten, dass Selbstbildungsprozesse möglich werden?“.

Dabei sind viele Fragen in Bezug auf die Funktionsweise und die Integration von digitalen Musiktechnologien in Bildungsangebote noch ungeklärt – ein Forschungsdesiderat, bei dem Studien und Theorien noch rar sind. Erste Artikel zum Thema sind wertvoll, bei näherer Betrachtung kann jedoch festgestellt werden, dass es sich beim musikpädagogischen Fachdiskussion um Apps aktuell jedoch noch um einen Legitimationsdiskurs handelt, in dem eben keine empirischen Fragen geklärt, sondern allenfalls aufgeworfen werden.

Die Voraussetzungen für einen offenen Umgang mit digitalen Technologien im Unterricht sind denkbar einfach. Musikpädagog_innen sind längst erfahrene Nutzer_innen von digitalen Technologien im Alltag. Warum nicht Apps genauso selbstverständlich in den Unterricht integrieren? Neben musikalischen Hilfmittel- und Trainingsapps sind auch Apps zum Arrangieren und solche für ganze Medienproduktionen vielversprechend. Viele können kostenlos oder -günstig heruntergeladen werden, wobei die Mobilgeräte der Lehrer_innen und Schüler_innen einfach an die vorhandene Verstärkeranlage oder einen mobilen Bluetooth-Lautsprecher angeschlossen werden können. Jedoch fällt es vielen Pädagog_innen schwer, Apps für konkrete didaktische Zielstellungen zu finden und sie mit spezifischen Methoden zu verbinden. Umfassendere Erfahrungen und fundierte Konzepte gibt es insgesamt nur vereinzelt und finden bisher kaum Verbreitung. Dabei könnten bei der Unterrichtskonzeption u.a. die Systematisierung durch SAMR oder das Planungsmodell TPACK von Nutze sein, wie sie Marc Godau in Blogartikeln erläutert.

Darüber hinaus möchte ich anregen, Strukturen zum Austausch unter Lehrkräften zu schaffen, die Apps im Unterricht verwenden. Dafür könnte der VdM als Fach- und Trägerverband eine Plattform schaffen, um Erfahrungsaustausch unter Lehrkräften zu unterstützen.

Ich freue mich über viele Kommentare. Mit herzlichem Gruß, Matthias Krebs

ist wissenschaftlich als Leiter der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin tätig. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente. Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, Grundlagenforschung zum Musizieren mit Technologien. Matthias Krebs ist Gründer und Leiter des professionellen Tablet-Orchesters DigiEnsemble Berlin. Als Lehrbeauftragter ist der Diplom-Musik- und Medienpädagoge an mehreren deutschen Musikhochschulen sowie auch bei den Appmusik-Workshops von app2music aktiv.

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