Theorie der Praxis – Systematisierung durch SAMR

Marc Godau | 13. Oktober 2014

Nutzen Sie mobile Digitalgeräte nur deshalb, weil Sie diese haben oder weil sich damit neue Projekte initiieren lassen? Es geht erneut um die Suche nach möglichen Modellen und Theorien, die einen pädagogisch motivierten Umgang mit Technologien unterstützen. Als ein weiteres Modell in der Reihe zur didaktischen Planung möchte ich SAMR vorstellen und für  den musikpädagogischen Bereich mit Apps erläutern. Dieser Artikel ist Folge der inhaltlichen Aufbereitung des Curriculums des BMBF-geförderten Projektes TOUCH:MUSIC.

Wie im TPACK-Modell geht es auch hier um die Unterstützung von Lehrenden dabei, die Integration von Technologien effektiver zu gestalten. Entwickelt wurde das Modell vom Gründer und Leiter des Beratungsunternehmens Hippasus Ruben Puentedura in den USA. SAMR steht für

  • Substitution (Stellvertretung/ Einwechselung),
  • Augmentation (Vergrößerung),
  • Modification (Veränderung) und
  • Redefinition (Neubestimmung).
Die vier Level des SAMR-Modells in vom untersten (Substitution) zum höchsten (Redefinition).

Die vier Level des SAMR-Modells in vom untersten (Substitution) zum höchsten (Redefinition). –> Quelle

 

Vier Level

Hinter den Begriffen verbergen sich vier Niveaustufen (Level); von der untersten (Substition) bis zur obersten (Redefinition). Je höher die Stufe, desto spezifischer ist das Angebot angepasst an die jeweilige Technologie.

  • Substitution: Technologie wird hier lediglich als Tool verwendet, wobei dies keine Auswirkungen auf die Aufgabe hat. Ob ein Buch nun in Papierformat oder als E-Book zum Lesen genutzt wird, ist erst einmal egal. Gleiches würde in etwa gelten, wenn eine Melodie auf einer Keyboardtastatur oder substiuiert auf einem Tablet mit Keyboardoberfläche gespielt wird.
  • Augmentation: Prinzipiell gleicht dieses Level der Substitution jedoch in der Erweiterung, dass die Aufgabenbewältigung dadurch erleichtert oder verbessert werden kann. Zum Beispiel kann man das Musizierte auf einem Diktiergerät oder auf einem Smartphone aufnehmen, wobei letzteres die Möglichkeit bietet, leichter Zugriff auf die eigene Aufnahme zu haben bzw. diese durch Clouds oder als E-Mail schneller für andere Programme zugänglich zu machen. Das Anfertigen einer Komposition als Aufgabe auf dem Papier oder einer Notationsapp wie z.B. Symphony Pro bleibt zwar auch hier als Aufgabe gleich, die Technologie ermöglicht jedoch ein effizienteres Arbeiten. Muss man bei handgeschriebenen Noten zusätzlich ein Instrument zur Überprüfung hinzuziehen, so kann dieser Vorgang eines überprüfenden Hörens durch die Abspielfunktion der App erleichtert werden.
  • Modification: Im nächsten Level wird das Angebot bereits untrennbar mit der spezifischen Technologie verbunden. Fehlt die Technologie, kann die Stunde nicht durchgeführt werden, denn sie kann nicht in irgendeiner Form substiuiert werden. Das häufig erwähnte Beispiel ist hier die Verwendung von Google-Drive im Sinne der Förderung kollaborativen Arbeitens vor allem durch die Kommentierungsfunktion sowie das gleichzeitige Nutzen eines Dokumentes von mehreren Nutzer_innen.
  • Redefinition: Das vierte Level beinhaltet die Möglichkeit, völlig neue Aufgabenstellungen zu entwickeln, die mit keiner anderen Technologie in der Art bearbeitet werden können. Dies hat Auswirkungen auf den Lernprozess, der sich an den Möglichkeiten kreativer Gestaltung mit der App anlehnt. Ein Beispiel hierfür wird von einer Grundschullehrerin geschildert, deren Schüler_innen mit der App Book Creator im Unterricht ‘Flötenhandbücher’ erstellten. Diese Bücher enthielten neben selbst geschriebenen Erklärungstexten (z.B. Spieltipps) selbst erstellte Bilder, selbst komponierte Melodien sowie kleinere Videos.

 

Welche Relevanz hat die Technolgie für meine Planung?

An einigen Orten im Internet (siehe Links) findet man Beispiele für die Verwendung konkreter Apps, die in die einzelnen Niveaustufen eingeordnet sind. Insgesamt ist das Modell hilfreich, die Relevanz des Technologieeinsatzes innerhalb der Angebotsplanung zu hinterfragen. Ermöglicht die Technologie neue Aufgabenformate oder ist es lediglich eine technologische Aufbereitung althergebrachter Aufgaben? Dass dies nicht nur rein theoretische Relevanz hat, zeigen Erfahrungen aus der musikpädagogischen Praxis mit Musikapps: Es ist nicht neu, das es neben den Befürworter_innen eine Reihe distanzierter Pädagog_innen gibt, die den Einsatz mobiler Digitalgeräte ablehnen oder ihn als vorübergehenden Trend einstufen. Und hierbei ist mit SAMR besonders denen entgegenzukommen, die sich für den Einsatz vermeintlich ‘richtiger’ oder herkömmlicher Instrumente aussprechen.

Flötenklänge durch ein Smartphone hervorzubringen (Subsitution) hat pädagogisch betrachtet außer dem Witz an der Sache geringen Mehrwert gegenüber einer ‘herkömmlichen’ Flöte. Viel eher würde sich wohl die ‘richtige’ Flöte eignen. Hingegen gibt es in vielen Unterrichtsstunden und Orchestern einen Trend der Verwendung von Notenprogrammen (→ iRollMusic), die das Arbeiten erleichtern. Das Hochladen von produzierter Musik in Clouds zum gemeinsamen Weiterarbeiten und Kommentieren (Modification), ist – wenn überhaupt – schwer mit anderen Technologien umsetzbar. Nur unter immensen Aufwand ist es mit traditionellen Instrumenten im pädagogischen Alltag möglich, als Gruppe ähnlich wie auf GarageBand mit unterschiedlichen Tablets bzw. Instrumenten gleichzeitig zu musizieren, sein Spiel aufzunehmen, weiterzubearbeiten und schließlich mit anderen (auf online-Plattformen) zu teilen.

 

Möglichkeit der Systematisierung

Das Bild zeigt, wie verschiedene Apps in das SAMR-Modell eingeordnet werden können.

Das Bild zeigt, wie verschiedene Apps in das SAMR-Modell eingeordnet werden können. →   Quelle

Ein weiterer Nutzen des SAMR-Modells eröffnet sich darin, Musikapps zu systematisieren. Exemplarisch gibt die Grafik einen Überblick über einzelne Apps und deren Einordnung in das SAMR-Modell. Der Vorteil gleiches nun auf Musikapps anzuwenden besteht darin, Systematisierungsversuche – wie sie auf zahlreichen Blogs zu finden sind – nicht auf Ebene einer Produktbeschreibung zu belassen. Musikapps könnten in ihrer Relevanz für spezifische Aufgabenformate in eines der 4 Level eingeordnet werden. Durch diese Systematisierung könnte die Nutzungsorientierung gesteigert werden. Das hieße eine Wendung weg von der Frage, was die einzelne Musikapp kann, hin zu der, wozu sie genutzt werden kann oder genutzt wird. Letzteres lässt sich so verstehen, dass die Möglichkeiten der App GarageBand (iOS) in vielen Aufgabeformaten sich meist auf die Substitution beschränkt. In der Praxis zeigt sich das im Spielen auf einer Klaviertastur als Oberfläche. Dabei spielt es anscheinend eine untergeordnete Rolle, was alle prinzipiell möglich ist, sondern mehr die Aufgabenstellung. Die App allein ist nicht bereits die Methode!

Endet der Nutzen von Musikapps im Ersetzen des Keyboards durch ein iPad? Lerner_innen nutzen Garageband als Klavier.

Endet der Nutzen von Musikapps im Ersetzen des Keyboards durch ein iPad? Lerner_innen nutzen Garageband als Klavier.

 

Offene Fragen und Probleme

Insgesamt löst SAMR nicht nur dringende Fragen, sondern lässt einiges bislang ungeklärt. Darunter fällt zum Beispiel die Beobachtung, wann welche App in welches Level eingeordnet wird. Als ich den oben benannten Versuch der Einordnung anging, fiel mir die Schwierigkeit auf: Wer beobachtet, in welches Level welche App einzuordnen ist? Aus welcher Perspektive heraus wäre iBooks lediglich ein Substitut, das keine funktionale Veränderung des Lernsettings nach sich zieht? Bietet nicht bereits der Umgang mit Apps viele Vereinfachungen (siehe Modifikation)? Sollte man vielleicht gar keine Musikapps, sondern vielmehr Aufgabenstellungen in das Modell einordnen?

Ein weiteres Problem stellt die wissenschaftliche Verortung des Modells dar: Während man im Internet eine Unmenge an Beiträgen und Videos zu SAMR finden kann, stößt man auf keine wissenschaftliche Herleitung. Das heißt, dass ich bis dato keinen Grundlagenartikel entdecken konnte, der darüber berichtet, worauf Ruben Puentedura sich in der Entwicklung seines Modells stützt. Stutzig gemacht, hatte mich einerseits, dass selbst auf Ruben Puenteduras Internetseits kein einziger Artikel, sondern nur Präsentationsfolien zu finden sind und andererseits ein offener Brief des schwedischen Medienpädagogen Jonas Linderoth von der Universität Göteborg. Darin kritisiert er die überzogene Rhetorik Puenduras (die natürlich immer Adressatenbezogen und letztlich Geschmacksache ist) sowie die schleierhafte Biographie des Entwicklers und Wissenschaftlichkeit des Modells. In seinen lesenswerten Ausführungen kommt Linderoth zum Fazit:

“Taken together, the image that emerges is more of an independent consultant serving companies with commercial interests in the one-to-one reform. This is of course a completely legitimate position to have. However, it is not okay to use the discursive power that comes with a PhD title (withholding that it is from another field) and referring to 10 years of research one claims to have made (that is not published) in order to gain a rhetorical power position.” 

 

Und wie sieht die Praxis aus?

Trotz dieser Einwände und meiner Bedenken möchte ich das Modell weiterhin aufgrund der benannten Vorteile anführen. Das Video veranschaulicht die 4 Level des SAMR-Modells am Beispiel des Umgangs mit Google Docs.   Da sich Argumentationen leichter sagen als umsetzen lassen, bedarf es im nächsten Schritt eines intensiveren Austausches mit Akteur_innen der Praxis. Also, mit Ihren individuellen Erfahrungen. Spannend wäre die Frage: Wie verbinden Sie als Akteur_in mobile Technologien und Lernerorientierung in konkret musikbezogenen Settings? Dies könnte eine Chance bieten, gemeinsam die pädagogische Praxis mit der Theorie der Modelle wie dem SAMR und anderen vorgestellten Modelle zu vergleichen? Die hätte zwei Vorteile:

  • Erstens wird damit etwas klarer, worauf die Modelle abzielen.
  • Zweitens könnte gezeigt werden, wo die mit den Modellen geforderte gelingende Praxis schon gelingt.

Denn die Rede von Defiziten in der Pädagogik gehört natürlich auch immer zur ‘Präsentationsrhetorik’ der jeweiligen Theorie oder des jeweiligen Modells.

 


 

LINKS:

http://www.educatorstechnology.com/2014/07/three-good-interactive-visuals-on-smar.html http://www.edtechcoaching.org/2013/11/ed-tech-frameworks-why-i-dont-use-tpack.html http://www.hippasus.com/rrpweblog/archives/2014/08/27/SAMRInTheClassroom.pdf http://www.educatorstechnology.com/2013/08/samr-model-explained-through-examples.html

ist Musiker, Musikpädagoge sowie Workshopleiter in der Populären Musik und Appmusik. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin sowie an der Universität Erfurt. Er forscht und publiziert in den Bereichen Hochschulentwicklung, pädagogische Fort- und Weiterbildung, technologievermitteltes Musiklernen, kollektive Lernprozesse beim Musizieren in Schule und Hochschule sowie Lehrer_innenprofessionalisierung. In seiner Dissertation – einer systemisch-konstruktivistischen Grounded Theory Studie – untersuchte er selbstständige Lernprozesse von Schüler_innengruppen beim Musizieren von Popmusik.

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