Kinderlieder begleiten mit Musikapps

Matthias Krebs | 5. Februar 2020

Kinder sind nicht nur sehr interessiert an allem, was klingt, sie sind auch schon früh musikalisch produktiv durch Singen und Tanzen. Untersuchungen zeigen jedoch, dass solche musikalischen Handlungsformen in vielen Familien nicht selbstverständlich sind und auch in manchen Kitas selten praktiziert werden. Häufig werden von Eltern und Pädagog*innen die Anforderungen an musikalische Fertigkeiten tendenziell überschätzt, während Stigmata, Hemmungen und Vorurteile gegenüber der eigenen Musikalität entsprechende Aktivitäten schon im Keim ersticken können.

Die im Folgenden vorgeschlagene Möglichkeit mit einfachen Handgriffen Liedbegleitungen mit Hilfe von Apps zu musizieren, soll interessierte Pädagog*innen und Eltern befähigen, auf rudimentäre Weise mit einer alltäglichen Technologie (Smartphone/Tablet und Musikapp) Kinderlieder zu harmonisieren. Dabei wird die Begleitungen nicht einfach nur automatisch abgespielt, sondern live gespielt. Es wird eine Methode gezeigt, mit der niedrigschwellige, kollektive Musizierprozesse (ohne und mit instrumentalen Vorerfahrungen) ermöglicht werden können.

Kinderlieder singen – Spaß und Frust

„Singen ist kinderleicht!“, sagen die einen. „Singen – nichts für mich! Das kann ich nicht!“, sagen die anderen. Manche Pädagog*innen und Eltern fügen noch ein bedauerliches „ich würde es ja gerne können, doch beherrsche ich kein Instrument“ an.

Das Singen von Kinderliedern hat eine zentrale Stellung im Spektrum des elementaren Musizierens in Kita und Grundschule. Kinder können durch das Liedersingen ein wiederkehrendes und ansprechendes Ereignis erfahren, an welchem sie in selbst gewähltem Ausmaß teilnehmen können und das ihnen ermöglicht, sich durch die Vertrautheit des Ablaufs zugehörig zu fühlen.

Doch kommt Singen und Musizieren häufig zu kurz: Nicht alle Pädagog*innen in Kitas und Grundschulen haben musikpraktische Erfahrung und spielen ein Instrument. Zudem bedürfen musikalische Angebote häufig besonderer Voraussetzungen wie einer Anzahl an geeigneten Instrumenten, einem Musikzimmer sowie Erfahrungen im Gruppenmusizieren. Das führt dazu, dass Singen und Musizieren in der Praxis häufig keine selbstverständlichen und regelmäßigen Angebote sind.

Warum das Tablet nicht auch zum Musizieren verwenden?

In einigen Kitas und Grundschulen sind Tablets bereits fest in den Alltag integriert und erleichtern die pädagogische Arbeit. Dabei zeigen sich Potenziale beispielsweise in der Portfolioarbeit (womit sich Dokumentationsformen wie z.B. das Bögen ausfüllen, Text schreiben, Fotos, Video- und Audioaufnahmen verbinden) sowie auch in explorativen Medienproduktionsprojekten (wobei mit Kindern z.B. Geschichten verklanglicht, Klänge verfremdet und arrangiert werden). Mehr dazu hier, hier und hier.

Mit Wischen, Tippen und Halten lassen sich bei einigen Apps Melodien, Rhythmen und Harmonien gestisch beeinflussen.

Die Verwendung von Tablets als Instrumentarium zur Gestaltung von Angeboten zum gemeinsamen Singen und Tanzen, fügt hier eine weitere Perspektive sozialer und zudem auch sinnlich-körperlicher Nutzung hinzu. Dabei können Apps als Musikinstrumente eingesetzt werden, um die Wahrnehmungsbedingungen und Handlungsspielräume von Kindern sowie Pädagog*innen zu erweitern, wobei digitale Technologien als integrativer Bestandteil des sozialen Lebens begriffen werden.

Die Möglichkeit mit Apps Kinderlieder zu begleiten lässt dabei  natürlich herkömmliche Musizierangebote von ausgebildeten Musikpädagogen nicht obsolet werden. Auch werden damit nicht z.B. Gitarre, Klavier und Akkordeon ersetzt, sondern das Instrumentarium um ein zusätzliches Instrument ergänzt.

Die hier vorgestellte Methode soll insbesondere Erwachsenen, die sich das Musizieren nicht richtig zutrauen, eine Möglichkeit aufzeigen, sich musikalisch zu betätigen und mit etwas Übung gemeinsam mit Kindern zu singen. Dabei bieten sich Möglichkeiten die Praxisfelder Singen, Sprechen, elementares Instrumentalspiel und Bewegung didaktisch zu verknüpfen.

Mit einigen Musikapps lassen sich Kinderlieder besonders leicht selbst begleiten. Mehr dazu in den Workshopfolien (siehe weiter unten).

Auch in medienpädagogischer Hinsicht eröffnet diese Form des Technologie-Einsatzes für eine sinnlich-körperliche Interaktionsform nicht zuletzt eine Neuperspektivierung digitaler Alltagsmedien als Erfahrungsmöglichkeit zur sozialen und vollzugsorientierten, künstlerischen Ausdrucksgestaltung. Nicht zuletzt kann eine solche Integration auch dazu beitragen, aufzuzeigen, dass Natur und digitale Technologien nicht als Gegensatzpaar im Aufwachsen von Kindern betrachtet werden müssen.

Einfaches Prinzip zur Kinderliederbegleitung

Das im Folgenden vorgestellte Prinzip zur Begleitung von Kinderliedern lässt sich auf viele gängige Kinderlieder übertragen. Notenkenntnisse oder besondere Musiziererfahrungen sind keine Voraussetzung. Mit etwas Übung lassen sich Liedchen selbständig per Gehör (auditiv) einstudieren. Aber es können auch YouTube-Videos (einfach versuchen mitzuspielen) oder Leadsheets mit Akkordsymbolen genutzt werden.

Die Akkord-Wechsel können leicht herausgehört werden. Zur Not finden sich Leadsheets im Internet, die manchmal helfen können. Mehr dazu in den Workshopfolien.

Die meisten Kinderlieder lassen sich mit 2 bis 3 Akkorden begleiten, die zur rechten Zeit gewechselt werden müssen. Das Lied sollte schließlich sicher und auswendig musiziert werden können, bevor es mit Kindern einstudiert wird.

Im Vordergrund des gemeinsamen Singens sollte die Interaktion zwischen den am Musizieren Beteiligten stehen. Mit der Begleitung könnt ihr euch in der Gestaltung der Begleitung und im Tempo anpassen. Die Pädagogin/der Pädagoge spielt die Begleitung auf dem Tablet und singt mit den Kindern zusammen.

Das Video ist am Rande eines Workshops entstanden und zeigt eine Version nach kurzer Übung (weitere Videos: Link | Link). Gezeigt werden dabei schon erste Varianten, wie die Begleitung kreativ angepasst werden kann. Dabei können natürlich die Ideen aller am Musizieren Beteiligten einbezogen werden. Das Musizieren der Begleitung – im Gegensatz zur Verwendung einer Aufnahme – ermöglicht es, eine direkte Beziehung herzustellen (und erfordert es auch): Es kann jederzeit verlangsamt und verschnellert, die Tonart erhöht und das Singen auch mal unterbrochen oder etwa umgedichtet werden etc.

Von besonderer Bedeutung für eine reiche Musizieraktion mit Kindern sind Bewegungslieder. Damit werden der Bewegungsdrang, die Lust am Singen und gemeinsamen Gestalten aufgegriffen und es können eigene Interpretationen entwickelt werden.

Workshop auf dem Landesnetzwerk-Treffen mit Modellkitas in Landshut

Auf dem vom Staatsinstitut für Frühpädagogik veranstalteten Landesnetzwerktreffen mit den 100 Kitas und 19 Mediencoaches, die am des Bayerischen Modellversuch „Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken“ beteiligt sind, wurde die Methode zur einfachen Kinderliedbegleitung im Rahmen eines Workshops mit Leitungs- und Fachkräften aus den Modellkitas erprobt. Die Teilnehmenden arbeiten in Kinderkrippen Kindergärten und Horten bzw, Häusern für Kinder mit breiterer Altersmischung und haben, an der Seite ihrer engagierten Mediencoaches schon einige Erfahrungen mit dem pädagogischen Einsatz von Tablets gemacht. Dass Tablets im Musikbereich nicht allein zur Produktion von Hörspielen, Klangmemories oder zum Abspielen von Musik, Hörspielen und Musikvideos verwendet werden können (siehe hier), sondern auch gemeinsames Musizieren ermöglichen, war vielen Kitaleitungen und Pädagog*innen noch neu.

Fast 30 Pädagog*innen mit unterschiedlichen musikpraktischen Erfahrungen waren dabei, hatten das Prinzip schnell verstandenen und übten in kleinen Gruppen erste Lieder ein. Selbst Teilnehmende, die sich unsicher waren, ob sie „musikalisch“ seien, fassten Mut und machten einfach mit.

Die vorgeschlagenen Apps zur Liedbegleitung bieten eine übersichtliche Spieloberfläche. Die Abbildung veranschaulicht das Grundprinzip. Mehr dazu in den Workshopfolien.

Für die Verwendung der Apps hat sich gezeigt, dass es am leichtesten ist, wenn man zu Beginn die App passend einstellt (siehe verlinkte Folien), dann liegen die Akkorde immer am selben Platz (Griff) und man kann sich schnell orientieren.

Deutlich wurde auch, dass das Tablet wie eine E-Gitarre auf einen Verstärker oder besser eine Lautsprecherbox angewiesen ist, wenn damit musiziert werden soll.

Um beim Musizieren eine Verbindung zum Klang aufbauen zu können, sollte darauf geachtet werden eine „gewichtige“ Lautsprecherbox mit einem Kabel anzuschließen.

Die Workshopfolien (siehe hier drunter) enthalten die Materialien sowie zusätzliche Erläuterungen, die dabei unterstützen sollen, Liedbegleitungen mit Apps zu realisieren: Workshopfolien Kinderlieder begleiten mit Apps (pdf)

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Workshopfolien zum Download (pdf)

(Über Erfahrungsberichte und Hinweise freue ich mich sehr!)

Mit Leib und Seele

Gemeinsames Musizieren stellt zwischen allen Beteiligten einen dialogischen Prozess her. Die Musik entsteht im gemeinsamen, interaktiven, wechselseitig aufeinander bezogenen Hervorbringen von Klängen.

Diese Beziehung besteht jedoch nicht allein aus Klängen (die wir hören), sondern basiert auf körperlichen Spielbewegungen (die wir hörend und sehend wahrnehmen). Man sagt, im Leiblichen liegt die Quelle des musikalischen Ausdrucks. Dabei besteht der Fokus auf der Gestaltung von wechselseitigen Musizierprozessen: einem Hin und Her zwischen den Beteiligten, zwischen Handeln und Hingabe, Planung und Spontanität, Hören und Dem-Gehörten-etwas-Hinzufügen, Führen und Folgen, Erleben und Gestalten, Einzelne*r und ‚Teil-eines-Ganzen‘ sein etc.

Beim technologievermittelten Musizieren (z.B. mit Apps) sollte daher darauf geachtet werden, dass das Spielen mit dem Körper verbunden bleibt. Auch wenn mit einer kleinen Geste ein (lauter) Ton erzeugt werden kann, gelingt ohne eine geführte Spielbewegung kaum gutes (koordiniertes) Zusammenspiel.

Die Praxis zeigt: In der Aneignungsphase ist der Körper eher noch verspannt und die Spielbewegungen flüchtig. Mit etwas Übung werden auch die Spielbewegungen runder und das Spiel flüssiger. Bei der Anleitung lässt sich beobachten, dass je unsicherer das Zusammenspiel, desto größer die Spielbewegungen der Anleitenden. Das unterstützt dabei, im Gruppenmusizieren zueinanderzufinden.

Das heißt: Nimm dich körperlich mit dem Spielen am Tablet nicht zurück – so ein Touchscreen hält das schon aus. 😉

Frohes Musizieren!

 

Literatur:

  • Dartsch, Michael (2016): Musiklernen in der frühen Kindheit. Grundfragen und Tendenzen. In: Roswitha Staege (Hrsg.), Ästhetische Bildung in der frühen Kindheit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 227–244.
  • GMK (2017). Kinder im Mittelpunkt: Frühe Bildung und Medien gehören zusammen. Positionspapier der GMK-Fachgruppe Kita.
  • Hellberg, Bianca (2019): Koordinationsprozesse beim Musizieren im Instrumentalen Gruppenunterricht. Perspektiven musikpädagogischer Forschung: Bd. 11. Münster: Waxmann.
  • Krebs, Matthias/Godau, Marc (2016). App-Kids: Tablets im Kindergarten. In: Kinderzeit (1), S. 18–23. Siehe auch: http://forschungsstelle.appmusik.de/app-kids-musikmachen-mit-tablets-im-kindergarten/
  • Krebs, Matthias (2018b): Apps als Instrumentarium für Kinder im Vorschulalter. In: Zeitschrift für Medienpädagogik merz 2_2018, S. 41 – 48.
  • Krebs, Matthias (2018a): Digitales Instrumentarium. Die Musikapp als zukünftiges Instrument in der Musikschule. In: Üben & Musizieren 1_2018, S. 40 – 43.
  • Krebs, Matthias (2019): Wenn die App zum Musizierpartner wird. Eine Annäherung an die Besonderheiten technologievermittelten Musizierens am Beispiel der Musikapp PlayGround. In: Gembris, Heiner/Menze, Jonas/Heye, Andreas (Hrsg.): Jugend musiziert – musikkulturelle Vielfalt im Diskurs. Münster: Lit, S. 235-282.
  • Schatt, Peter W. (2014): Ganzheitlich, kreativ, elementar, kindgemäß. Mythen in der musikpädagogischen Arbeit mit Vorschulkindern. In: Michael Dartsch (Hrsg.), Musik im Vorschulalter. Dokumentation Arbeitstagung 2013. Kassel: Bosse, S. 78–90.
  • Verband deutscher Musikschulen (Hrsg.) (2010): Bildungsplan Musik für die Elementarstufe/Grundstufe. Bonn: VdM (Verband deutscher Musikschulen).
  • Ribke, J. (2004): Empfinden und Entwerfen. Überlegungen zur gestalterischen Arbeit mit Klang und Bewegung. In J. Ribke & M. Dartsch (Hrsg.), Gestaltungsprozesse erfahren – lernen – lehren. Texte und Materialien zur Elementaren Musikpädagogik. Regensburg: ConBrio, S. 55–62.

ist wissenschaftlich als Leiter der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin tätig. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente (insb. Musikapps). Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, Appmusik, Grundlagenforschung zum Musizieren mit digitalen Musiktechnologien.

Als Lehrbeauftragter ist der Diplom-Musik- und Medienpädagoge an mehreren deutschen Musikhochschulen sowie als Dozent für Weiter- und Fortbildungen und auch bei den Appmusik-Workshops bei app2music aktiv. Zudem ist Matthias Krebs Musiker im professionellen Tablet-Orchester DigiEnsemble Berlin.


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