Medienpreis LEOPOLD_interaktiv 2021 – Empfohlene Musikapps für Kinder

Matthias Krebs | 6. Oktober 2021

Mit dem Sonderpreis LEOPOLD_interaktiv reagiert der Verband deutscher Musikschulen (VdM) auf die gesellschaftlichen Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung und verfolgt das Ziel, digitale musikalische Bildungsangebote für eine breite Diskussion aufzuschließen. Die Jury-Empfehlungen richten sich an Eltern und Pädagog*innen und sollen insbesondere bei der Auswahl von Apps und Online-Angeboten unterstützen. Im Zentrum stehen moderne Bildungsmedien, die sich eignen, um sinnliche Erfahrungsräume zu gestalten und möglichst vielfältige Begegnungen mit Musik zu eröffnen. [Mehr Informationen zum LEOPOLD]

Dieses Jahr gab es für den Sonderpreis LEOPOLD_interaktiv leider nur recht wenige Einsendungen – womöglich durch die Umstände im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Das Angebot an Musikapps und Webseiten, die interaktive Lernmaterialien für Kinder im Vor- und Grundschulalter bieten, ist insgesamt bislang recht übersichtlich. Zudem sind die meisten Titel leider nur für Apple-Geräte verfügbar. Vor zwei Jahren war die Liste an Empfehlungen länger: siehe hier [Sonderpreis LEOPOLD_interaktiv 2019].

Mitglieder der Fach-Jury, die Ende März 2021 tagte, waren: Matthias Krebs (Vorsitz, Leiter der Forschungsstelle Appmusik, Musikpädagoge), Anja Fischer (Musikpädagogin und Künstlerin) und Franz-Michael Deimling (Komponist und Musikschulleiter im Ruhestand) sowie Matthias Pannes (Geschäftsführer des VdM) und Henrike Rossel (Leopold-Projektleiterin und Mitautorin dieses Beitrags).

Auf folgende zentrale Kriterien einigte sich die Jury:

  • Zugänglichkeit (Plattformen iOS, Android, Web), Auffindbarkeit, Preis
  • Interaktivität, Bedienkonzept sowie Ansprache und Aktivierung
  • Texte, Navigation, Einstellungen, Sicherheit
  • Intuitivität, Anpassbarkeit
  • Zielgruppengenauigkeit, Stimmigkeit: Material –> Zielgruppe
  • künstlerische Gestaltung (Musik und Grafik)
  • Diversität, Interkulturalität
  • Pädagogische Materialien für Eltern (Handlungsempfehlungen)

Von der Jury für den LEOPOLD_interaktiv 2021/2022 wurden zwei Titel ausgewählt:

Diese Laudatio galt den beiden Finalistinnen der insgesamt 11 Bewerberinnen. Im Folgenden werden die ausgezeichneten Apps vorgestellt.

Songs of Cultures (Preisträger LEOPOLD_interaktiv 2021/2022)

“Songs of Cultures” ist eine mehrsprachige Kinderlieder-App, die mittels einer modernen visuellen 3D-Technik (Augmented Reality), ein Verständnis für Kulturen vermittelt. Im Zentrum steht dabei eine Band von animierten Tieren, die interaktiv – über das gemeinsame Singen hinaus – zum Experimentieren und Tanzen animieren kann. Zehn populäre Kinderlieder in Deutsch, Vietnamesisch und Englisch stellen dafür die musikalische Basis.

Als Sympathieträger fungieren niedliche 3D-animierte Wild- und Bauernhoftiere, die sich bei ihrem Gesang stilistisch und landestypisch passend auf unterschiedlichen akustischen Instrumenten begleiten. Sowohl die Stimmen als auch die Instrumentalparts sind nicht elektronisch erzeugt, sondern von Musiker(inne)n wie z.B. dem Liedermacher Toni Geiling und dem Lotus Ensemble eingespielt.

Verantwortlich für die Apps ist das Entwicklerinnen-Duo Binh Minh Herbst und Christin Marczinzik. Dass Eltern und eine pädagogische Beratung (Prof. Dr. Matthias Ballod) an der App-Entwicklung mitgearbeitet haben, merkt man u.a. an einer recht umfangreichen pädagogischen Handreichung, in der u.a. darauf hingewiesen wird, die Kleinen mit dem digitalen Medium nicht allein zu lassen, sondern ein gemeinsames Erlebnis daraus zu machen, das pro Tag aber nicht mehr als maximal 30 Minuten in Anspruch nehmen muss.

Auf der Webseite finden Eltern und Pädagog*innen schnell den Link zu den pädagogischen Hinweisen: Link

Sprachen

Die App-Sprachen sind Deutsch, Vietnamesisch und Englisch mit jeweils in den drei Ländern populären Kinderliedern (etwa: „Wir sind die Musikanten“, „Old McDonald“ und „Trống Cơm“ (dt. Reistrommel)). Die Texte laufen in der Originalsprache wie auch in deutscher Übersetzung unter den Animationen textlich eingeblendet mit. So können die Lieder zusammen mit Eltern und Pädagog*innen leicht gelernt und mitgesungen werden, u.a. auch über einen Karaokemodus. Leichte Wörter in den Fremdsprachen werden im Original (Vietnamesisch und Englisch) und in der deutschen Übersetzung auch unabhängig von dem Lied vorgesprochen – ohne aber daraus einen Vokalbel-Trainer zu machen.

AR

Neben der Musik hat bei dieser App die visuelle Präsentation ein hohes Gewicht. Mittels Augmented Reality (AR) – eine technisch neue und zukunftweisende Form für Bildungsmaterialien ­– wird zu den einzelnen Liedern ein visuell jeweils angepasstes Setting als Kontext angeboten. Das Besondere an AR ist, dass die 3D-Animationen über das Smartphone oder Tablet direkt in das Wohnzimmer oder den Kita-Raum dargestellt wird. Dadurch hat das Dargestellte eine situative Kontextualisierung: Das multimediale (musikalische) Setting wird mit der physisch erfahrbaren Alltagswelt direkt verbunden. Ein zusätzliches methodisches Element ist, dass mit einer Kamerafunktion, z.B. das um die Band geschaffene Setting mit der lustigen Tierband auch als Foto festgehalten werden kann, um daran wieder weitere spielerische Ideen und Reflektionen anzuschließen.

Methoden

Zur App stellt das Entwicklerinnen-Team pädagogische Hinweise zur Verfügung [Link]. Als eine zentrale Empfehlung wird in diesem Begleitmaterial der Hinweis formuliert, dass mit der App ein affektiver Ansatz verfolgt wird, der Ruhe und die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Beteiligten (Kinder und Erwachsene) erfordert. Anspruch sei es, mit der App Material für eine emotional positive und angenehme Lernumgebung zu bieten.

Ausdrücklich lädt ein Begleittext dazu ein, sich rhythmisch klatschend und tanzend zur Musik zu bewegen und – wenn vorhanden – auch andere zur Verfügung stehende Instrumente dazu zu nehmen. Das technische Setting soll körperlich aktivieren und zum Mitmachen motivieren.

Als ergänzendes Material sind inzwischen 21 gestaltete Liederkarten mit Liedtexten und Noten zum Nachspielen im Deutsch-Vietnamesischen Kinderbuchverlag HORAM erschienen [https://www.horami.de/product/songs-of-cultures/].

Technik

Für die Nutzung der App ist keine Internetverbindung erforderlich, es werden keine persönlichen Daten erfasst oder gespeichert.

Das iPad wird bei Nutzung der App etwas warm. Zudem kann die App nur im Hochkant-bzw. Portrait-Modus verwenden werden, da wahrscheinlich das Smartphone als zentrales Trägermedium von den Entwickler*innen intendiert ist. Im Kontext von Kita und Grundschule wäre sicher die Verwendung eines Beamers und auch von Lautsprechern ratsam.

Zu beachten!

Insgesamt sollte eingeplant werden, dass diese moderne Technik erst etwas eingeübt werden muss, da die App an manchen Stellen in der Verbindung von Realität und virtuellem Material etwas „ruckelt“.

Links

Tongo Zirkus App (Empfohlen LEOPOLD_interaktiv 2021/2022)

Die Produzentin Ruth Bersch-Gómez erhielt bereits für Musikapp „Tongo Musik“ eine Empfehlung beim LEOPOLD 2019/2020. Sie entwickelt kindgerechte und grafisch liebevoll gestaltete Musikapps für Kinder, mit denen sie vor allem deren Neugierde auf klassische Musik wecken möchte.

Und auch bei der Neuauflage „Tongo Zirkus“ führt wieder der namengebende „kleine Mann mit Hut“ durch eine Auswahl an europäischer Kunstmusik mit Kompositionen von J.S. Bach, J. Haydn, W.A. Mozart, J. Brahms, C. Gounod, M. Glinka, G. Bizet, E. Grieg, J. Strauß, P. Tschaikowski, M. Mussorgski und N. Rimsky-Korsakov. Die jeweiligen Aufnahmen sind mit freundlicher Genehmigung von NAXOS lizensiert (nähere Angaben zu den interpretierenden Ensembles gibt es nicht).

Diesmal bewegt sich alles in der magischen Welt des Zirkus mit vielen „tierischen“ Artisten und Akrobaten, Clowns, einer munteren Zirkuskapelle und sogar einer klingenden Popcorn-Maschine. Der Löwe zeigt seine Kunststücke, die Pinguin-Familie balanciert auf Bällen, Affen schwingen am Trapez, als Seiltänzerin verblüfft die kleine Maus, und Tongo selbst tritt als Zauberer auf.

Das Konzept der App lässt sich als musikalisches Bilderbuch beschreiben und wurde erneut von Sue Doeksen visuell attraktiv gestaltet: Die App Tongo Zirkus bietet reduzierte grafische Animationen zur Musik, wobei per Touchscreen minimal in den Ablauf der Animationen eingegriffen werden kann. Die vollkommen textfreie App ist für Kleinkinder ab anderthalb Jahren leicht bedienbar und spielerisch-interaktiv angelegt.

Methoden

Insgesamt sind die Interaktionsmöglichkeiten sehr begrenzt, sodass die Begleitperson die Rolle einer*eines Moderator*in einnehmen sollte, um die Musik und die visuelle Darstellung situativ zu kontextualisieren. Pädagogische Hinweise/Ideen gibt es bis auf ein Handbuch, in dem Informationen zu den einzelnen Szenen zu finden sind, leider nicht.

Das „Handbuch“ können Eltern oder Betreuungspersonen von der Webseite herunterladen. Darin finden sich über die musikalischen Grundinformationen zu den Titeln hinaus kurze Texte, die die einzelnen Szenen narrativ kontextualisieren [http://firstconcert.com/wp-content/uploads/2019/04/Handbuch-Tongo-Circus-Deutsch.pdf].

Technik

Die Tongo Zirkus App ist „kindersicher“, ohne Werbung oder In-App-Käufe. Es empfiehlt sich, Lautsprecher anzuschließen.

Kritik

Insgesamt bietet die App ein Kennenlernen, aber eben nicht ein Mitlernen. Die Musik ist auf europäische Kunstmusik beschränkt. Leider ist die App bislang allein für Apple-Geräte verfügbar.

Links

Haben Sie Empfehlungen?

Welche Musikapps können Sie empfehlen? Welche Erfahrungen haben Sie mit den Apps gemacht? Welche Spielidee haben Sie entwickelt? Schilderungen und Erlebnisberichte sind viel wert, immerhin geht es bei diesen Apps vorrangig um die musikalischen Aktivitäten, die sich rund um die Apps entwickeln.

ist wissenschaftlich als Leiter der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin tätig. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente (insb. Musikapps). Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, Appmusik, Grundlagenforschung zum Musizieren mit digitalen Musiktechnologien.

Als Lehrbeauftragter ist der Diplom-Musik- und Medienpädagoge an mehreren deutschen Musikhochschulen sowie als Dozent für Weiter- und Fortbildungen und auch bei den Appmusik-Workshops bei app2music aktiv. Zudem ist Matthias Krebs Musiker im professionellen Tablet-Orchester DigiEnsemble Berlin.


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