Musikpraxis: Online im Ensemble proben – mit Jamulus

Matthias Krebs | 31. August 2021

In Musikprojekten fällt es nicht immer leicht, für alle Beteiligten passende Termine zu finden. Im Zuge der Corona-Pandemie sind durch Kontaktbeschränkungen zusätzliche Erschwernisse für gemeinsame Ensembletreffen hinzugekommen. Noch aufwändiger sind Proben dann, wenn die Beteiligten über ganz Deutschland verteilt leben. Was an Reise-Flexibilität in Studentenzeiten noch machbar war, ist im beruflichen Alltag kaum zu stemmen. Im Rahmen des MSdigital.SH-Projekts haben Musikschullehrkräfte aus Schleswig-Holstein einen technisch überschaubaren Ansatz erprobt, gemeinsam eine Musikperformance für einen Live-Auftritt komplett online einzustudieren. Und es hat sogar überraschenderweise besser funktioniert als erwartet – selbst für diejenigen, die sich eher nicht so technikaffin einschätzten. Es zeichneten sich darüber hinaus auch Perspektiven für neue innovative Musikschulangebote ab…

Inhalt: In diesem Beitrag werden

  • Jamulus-Probenerfahrungen und Learnings skizziert,
  • ein kostengünstiges, standardisiertes Setup vorgestellt und
  • ein Konzert und einige weiterführende Projekte geschildert.

Dieser Beitrag in Form eines Erfahrungsberichts soll einerseits Anregungen bieten, moderne Methoden im Unterricht oder für Proben zu nutzen, wobei der Schwerpunkt beim interaktiven Musizieren liegt. Darüber hinaus sind in den Kommentaren dieses Blogbeitrags eure Fragen, Erfahrungen und ergänzende Tipps willkommen. (Andererseits bietet er Einblicke in ein aktuelles Forschungsprojekt.)

Kurz zum Hintergrund: „Lasst uns eine Hymne aufführen!“

Um im MSdigital.SH-Projekt des Landesverbandes der Musikschulen in Schleswig-Holstein das Thema „Musizieren mit Apps” zu vertiefen, wurde ein künstlerisches Vorhaben angekündigt, bei dem Musikschullehrkräfte gesucht wurden, die Lust hatten, eine Hymne zu entwickeln. (Warum gerade eine Hymne, fragt ihr? Einfach so – eine künstlerische Herausforderung setzt Potenziale frei!) Das Ergebnis sollte dann unter Verwendung von Apps und auch im Zusammenspiel mit traditionellen Instrumenten live bei einem Event aufgeführt werden. Es meldeten sich fünf Musiker*innen. (Weitere drei Lehrkräfte meldeten sich per Mail und fragten, was man bei dem „Workshop“ denn lernen könnte? Die Antwort: Alles, was es braucht, um eine Hymne mit Apps im Ensemble zu realisieren. (Was sich als Untertreibung herausstellte.) Einer der Nachfragenden „wagte“ spontan noch ins Projekt einzusteigen.)

Die fünf Musikschullehrkräfte des Hymnen-Projekts kamen aus unterschiedlichen Fächern (Violine, QFlöte, Saxophon etc.) und verschiedenen Standorten (u. a. Oldesloe, Neumünster, Hamburg und Berlin). Ihre Vorerfahrungen im musikalischen Einsatz von Apps schätzten sie als rudimentär ein; sie motivierte, sich im Rahmen des Hymnen-Projekts mal aus einer künstlerischen Perspektive mit der Materie auseinandersetzen zu können.

Parallel zur Jamulus-Musizierverbindung  wurde gezoomt.

In den ersten gemeinsamen Treffen via Zoom wurden Erfahrungen über potenziell passende Musizier-Apps ausgetauscht sowie gemeinsam gebrainstormt, wie wir uns eine Hymne eigentlich vorstellen. Die Ergebnisse der Treffen haben wir in einem geteilten GoogleDoc festgehalten, das uns als Projekt-Tagebuch diente.

Als sich unsere Vorüberlegungen konkretisiert hatten, überraschte uns Sabine mit einer ersten Skizze einer Hymne, die sie mit der App „Garageband” aufgenommen hatte. Doch stellte es sich als wenig praktikabel heraus, mit der Demo-Aufnahme zu arbeiten. Über Zoom war es schwer kollaborativ die Hymne zu arrangieren und neue Parts vorzustellen. Die entscheidende Idee war es dann, gleich das gesamte Garageband-Hymnen-Projekt über das Netz freizugeben. Auf diese Weise konnten wir gemeinschaftlich an einer zwischen uns geteilten Version experimentieren, wobei die aktuelle Version immer automatisch auch bei den anderen erschien. Bei den Zoom-Treffen besprachen wir kurz die Wirkung der neu hinzugekommenen Einspielungen, und berieten, wie wir die Parts auch auf der Bühne live hinbekommen könnten. Einblicke zur ersten Probenphase finden sich hier: https://www.musikschulleben.de/2021/06/25/msdigital-sh-hymne-online-digital-komponieren/ (Details zur Realisierung der Hymne mit Apps können in diesem Beitrag aus Platzgründen nicht weiter ausgeführt werden.)

Das GarageBand-Projekt diente als Partitur. Es konnte von allen Beteiligten erweitert werden.

Letztlich blieb jedoch diese erste Projektphase eher theoretisch, da wir über die zur Verfügung stehenden Mittel nicht zusammenspielen konnten. Weil der Auftrittstermin immer näher rückte, versuchten wir zumindest eine einzige gemeinsame Probe zu planen. Doch wurde schnell klar, dass ein Probentermin für alle bedeuten würde, dass sich jeder einen ganzen Tag freinehmen und dazu mehrere 100 km fahren müsste. Das Ensemblemusizier-Projekt drohte zu scheitern, denn selbst eine Probe am Vortag des Auftritts war nicht möglich: Eine Mitspielerin war zu einer Hochzeit geladen, ein anderer spielte auf einem Konzert. Wir waren also gezwungen eine ganz neue Lösung zu finden. Und wie der Zufall es wollte, konnten wir von Erfahrungen aus einem anderen Projekt profitieren:

##Musiandra – internationale Klavierduos

Im Zuge der Vorbereitungen für das parallele Musikprojekt „Musiandra“ (ein ERASMUS+ Projekt in dem Musikschulschüler*innen aus verschiedenen Ländern gemeinsam Klavierstücke in Duos online einstudieren) hatte Matthias ein kostengünstiges Jamulus-Set entwickelt (Details dazu im Folgenden). Mehr zum Musiandra-Projekt: http://www.musiandra.org

Die spezielle Online-Musiziersoftware Jamulus ist aktuell unter Musiker*innen verschiedener Fächer weltweit stark verbreitet, wenn es darum geht, über das Internet zusammen zu musizieren. Auch an einigen Musikschulen gibt es mit Jamulus bereits schon viele gute Erfahrungen, und verschiedene Laien-Chöre sowie Blasmusik-Ensembles haben auf diese Weise in der Phase der Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen weiter proben können (der Hinweis dazu kam von Peter Mall und Oliver Plett). Um aber im Unterschied zu den bisherigen Jamulus-Ansätzen zu erreichen, dass die technischen Hürden zur Teilnahme von Interessierten auf ein Minimum reduziert bleiben (diese also unabhängig von der Verfügbarkeit und Konfiguration privater Laptops und technischer Ausstattung wie Mikrofonen sind), wurde für das Projekt Musiandra ein Komplettpaket recherchiert.

Das auf den Namen „Musiandra-Set“ getaufte Paket enthält einen kleinen Mini-Computer (Raspberry Pi 4), auf dem ein spezielles, zur musikalischen Nutzung angepasstes Betriebssystem inklusive Jamulus schon vorkonfiguriert ist, ein USB-Großmembran-Mikrofon sowie alle notwendigen Kabel (siehe nachfolgende Tabelle). So müssen nur die Bestandteile zusammengesteckt werden und das gemeinsame Musizieren kann beginnen (so die Theorie).

Das kurze Video gibt einen Einblick in einen Workshop, in dem das Musiandra-Set mit Klavierpädagog*innen aus Berlin getestet wurde:

Zum Musiandra-Projekt wird es eine umfangreichere Studie zum Probenverlauf geben. Aktuell üben sich die ersten 6 Musikschullehrkräfte mit ihrem Set ein.

Um das Ergebnis schon vorwegzunehmen …

Im MSdigital.SH-Hymnen-Projekt wurde dieses Musiandra-Set nun im Zeitraum von drei Wochen erprobt. Die Verzögerung und die Klangqualität sind mit Jamulus deutlich besser als über Zoom, Skype, WhatsApp oder andere Konferenz- und Messaging-Apps. Letztere sind für Sprachnachrichten optimiert, weshalb zusätzlich zur hohen Verzögerung nicht wenige Frequenzen ganz eliminiert werden. Wie sich nun bei den Proben für die Hymne herausstellen sollte, ließ es sich mit der Online-Musiziersoftware Jamulus und dem Musiandra-Set richtig gut proben. Der Klang ist minimal komprimiert und räumlich und die Verzögerung beläuft sich meistens auf gerade einmal 25-40 Millisekunden für alle Beteiligten. Mit Hilfe von fünf der für drei Wochen ausgeliehenen Musiandra-Sets konnten wir schließlich ohne jegliche Vorort-Probe den Auftritt auf der Bühne musikalisch und sicher realisieren.

Komponenten im Detail

Das Musiandra-Set besteht aus folgenden Komponenten:

Was Erläuterung Kosten / Link
Raspberry Pi 4b
(RasPi4)
Der kleine Minicomputer als Platine 67 €

https://www.amazon.de/dp/B07TC2BK1X

Gehäuse und Netzteil Silent-Gehäuse ohne Lüfter 15 €

https://www.amazon.de/gp/product/B096RLQRV2

Speicherkarte Für das spezielle Betriebssystem mit Jamulus 5 €

https://www.amazon.de/gp/product/B00CBAUIEU

Netzwerkkabel
(5 Meter)
Zum Anschluss des RasPi4 an die heimische Fritzbox 10 €

https://www.amazon.de/gp/product/B01MSWRHL2/

USB-Großmembran-Mikro mit Kabel, Stativ und Koffer Um möglichst den ganzen Raum mit dem Instrument aufnehmen zu können 77 €

https://www.thomann.de/de/the_t.bone_sc_425_usb_desktop_set.htm

Summe: 174 € inkl. dem USB-Mikro
* Hinzu kommt ein privater Kopfhörer, der direkt an das Mikro angesteckt wird, um das Mikro rückkopplungsfrei nutzen zu können.
* Tipps zur Konfiguration des RasPi4 finden sich unten in den Kommentaren.
* Alternativ zum USB-Mikro kann auch ein (vorhandenes) USB-Audiointerface in Kombination mit dem RasPi4 genutzt werden, an das dann ein Studio-Mikrofon und/oder ein elektronisches Instrument (Keyboard, E-Bass, E-Viola etc.) angeschlossen werden kann.

Anzumerken ist, dass das Musiandra-Set so gedacht ist, dass es nicht nur als ein privates Set, sondern vielmehr von Institutionen wie einer Musikschule angeschafft werden kann. Auf diese Weise bieten sich die Möglichkeiten, z. B. Proben für Projekte zu erleichtern oder auch bei Krankheit/Unfall solch ein Set an Schüler*innen auszuleihen, wenn die Anfahrt zu aufwändig ist.

Mit der Technik umgehen lernen

Passend zu den Musiandra-Sets, die per Post an die Bandmitgleider des Hymnen-Projekts verschickt wurden, kam die PDF-Anleitung per Mail. Es wurde ein gemeinsames Zoom-Treffen verabredet, bei dem die Nutzung erklärt und geübt werden sollte. In Vorbereitung auf das Treffen schlossen alle Beteiligten die Komponenten zusammen. Bei Zweien gab es zwar zunächst technische Probleme, doch war die Fehlersuche recht überschaubar, da das Setup standardisiert ist. Dass eines der Kabel nicht richtig steckte und dass ein Ersatznetzteil nicht genügend Power lieferte, ließ sich an drei bestimmten Lämpchen bzw. im Rahmen eines Hörtests per Kopfhörer schnell überprüfen. Es zählt gerade zu den Stärken dieses Ansatzes, dass keine individuellen Probleme, wie z. B. im Zusammenhang mit der Konfiguration der privaten Laptops, auftauchen sollten. Alle beim Pilotprojekt aufgetretenen Fehler wurden zum Nachschlagen samt Lösung dokumentiert (siehe PDF-Anleitung).

Bestandteile und Aufbau des Musiandra-Setups

Nachdem der technische Aufbau geklärt war, wurde die Verbindung zu einem freien Jamulus-Proberaum demonstriert. Beim initialen Zoom-Treffen wurden die Schritte parallel an den verschiedenen Standorten direkt umgesetzt, sodass sich schließlich alle Beteiligten erfolgreich über Jamulus zusammenfanden. Dann wurde abschließend noch das Mischpult erklärt und der erste Soundcheck konnte beginnen. Bei den nächsten Probenterminen dauerte der Aufbau bei einigen noch fünf Minuten, aber spätestens beim vierten Treffen waren alle auf Anhieb im verabredeten Jamulus-Proberaum und wir konnten pünktlich und direkt mit dem gemeinsamen Musizieren beginnen.

Probenerfahrungen

Da wir beschlossen hatten, die Hymne sowohl mit Apps als auch mit unseren Hauptinstrumenten zu spielen, mussten wir eine Lösung finden, wie wir neben dem iPad parallel auch ein Mikrofon nutzen konnten. Als Lösung ergab sich, dass wir das eingebaute Mikro des iPads im Hintergrund mit der kostenlosen App „Hear Boost“ einschalteten, sodass wir die Musizier-App zum Musizieren und gleichzeitig das iPad-Mikro zum Sprechen, Singen und zur Übertragung von Querflöte, Violine etc. verwenden konnten.

Allen Beteiligten war wichtig, dass das Projekt nicht zu einer zusätzlichen Belastung wird, daher haben wir uns für regelmäßige, wöchentliche Termine entschieden, die jeweils 30 Minuten, maximal eine Stunde gingen. Nicht immer waren wir vollzählig, trotzdem kamen wir effektiv voran. Die Probenzeit reichte genau, um einen Abschnitt oder ein paar Übergänge zu proben. Zum nächsten Treffen hat dann jede*r für sich individuell Sounds angepasst oder eine neue Begleitfigur entwickelt. Z. B. hat Christiane einen Beatbox-Part mit der App „koala Sampler“ aufgenommen, indem auch Vögel aus ihrem Garten zu hören waren.

So sieht das Musiandra-Set aus (links), wobei anstelle des USB-Mikros auch ein Audiointerface genutzt werden kann, um daran z. B. ein iPad als Instrument anzuschließen (rechts).

Meistens haben wir uns zuerst über Zoom getroffen, um Links auszutauschen, Smalltalk abzuhalten und zu planen. Wir sind parallel zu Jamulus gewechselt, haben Zoom auf den Laptops und Smartphones aber laufen gelassen, damit wir uns auch (verzögert) sehen konnten. Außerdem wurden die Laptops zur Anzeige unserer Komposition, die wir im GoogleDoc immer weiter anpassten, genutzt. Die Proben fanden entweder gleich morgens um 9 Uhr oder abends um 20 Uhr statt. Durch die Verwendung von Jamulus für unsere Proben fiel es uns relativ leicht, gemeinsame Termine zu finden, da wir uns abends von Zuhause aus einfach nur einzuklinken brauchten.

Die dritte und vierte Probe, bei der alle dabei waren, liefen phänomenal. Es wurde richtig groovig und wir fühlten uns sicher beim Musizieren über Jamulus. Vorher hatten wir unser Hauptaugenmerk auf das Üben des Ablaufes gelegt. Parallel haben wir aber auch immer das Arrangement weiter angepasst und auch die Sounds der Instrumente mehrfach gewechselt, bis uns der Zusammenklang gefiel.

##Wie eine Reise zum Mond

So eine Probe über Jamulus fühlt sich anders an, als wir es von Proberäumen kennen: Es ist ein Gefühl, als wäre man spontan auf einem fremden Planeten. Das macht deutlich, dass, wenn wir Technologien (wie in unserem Beispiel Jamulus) integrieren, diese keine neutralen Tools sind, die einfach direkt das umsetzen, was wir damit beabsichtigt haben. Für uns wurde körperlich spürbar, wie Technologien immer das beeinflussen, was wir mit ihnen umsetzen. Auch mit der optimierten Jamulus-Verbindung ist das gemeinsame Musizieren also anders, wobei sich unser Musizieren als ein Vermittlungsprozess zeigte.

Medien sind nicht nur Mittel der Kommunikation und Information […]. Sie prägen und verändern Konfigurationen des Wahrnehmens und Wissens, des Vorstellens und Darstellens.“ (Tholen 2010, Editorial in HW 2010)

Um über das Internet bzw. Jamulus zusammen musizieren zu können, mussten wir uns in die Umgebung „Internet” eingewöhnen. Besonders die Art, die Mitspielenden in Interaktion zu spüren, fühlt sich deutlich anders an, widerspricht zunächst unserer Alltagserfahrung und ist dabei aber doch „natürlich“. Das Musizieren über das Internet gehorcht einer anderen Physik; womit unser Musikwissen nicht obsolet ist, wir jedoch gezwungen sind, unsere Spielbewegungen neu wahrzunehmen und unsere Sinne zu schärfen. Das empfanden wir als total interessant – auch weil wir uns auf diese Weise selbst sinnlich-körperlich neu kennenlernten.

Diese neue Wahrnehmung unserer Körper bedeutete, dass wir uns orientieren und Handgriffe einüben mussten; also im Grunde auch ein wenig musizieren neu lernen mussten, da sich unsere Körper, die Instrumente und der jeweilige Klang ja nun anders verhalten. Wer dafür nicht offen ist, wird ggf. frustriert sein.

Viele Fragen zu diesem Phänomen sind bislang ungeklärt und müssen experimentell erkundet werden. Welche Fertigkeiten müssen trainiert werden, um das Netz als „Ort zum Musizieren“ zu nutzen? Hinzu kommt, dass pädagogische Ansätze (Methoden) und künstlerische Strategien sich hierbei nicht einfach durch Erklären oder Lesen aneignen lassen, so wie man auch Geigespielen nicht aus einem Lehrbuch lernen kann – man muss das Instrument selbst spielen.

Für die Musikschularbeit mit musikalischen Laien sowie auch mit den Schüler*innen im Projekt Musiandra wird es notwendig sein, für das Medium angepasste Übungen zu entwickeln, die an diese spezifischen Eigenschaften des Online-Musizierortes anschließen. Lokal am Klavier für sich zu üben, schafft noch keine Fertigkeiten für die Online-Duett-Probe – so wie auch Bühnenauftritte auf einer Bühne geübt werden müssen.

Erste Erkenntnisse: Ein wichtiger Punkt ist, dass sich alle Beteiligten wirklich aktiv um einen zeitlich stabilen Puls kümmern müssen, d. h. verantwortungsvoll „nach vorne“ spielen. Interessant war die Erfahrung, dass selbst beim „stummen“ Mitspielen, wenn also das eigene Mikro stummgeschaltet ist, während andere musizieren, sich ein intensives körperliches Gefühl eingestellt hat. Das könnte bei Gruppen vielleicht eine interessante Methode sein, um sich erstmal individuell an die Jamulus-Musizierbedingungen zu gewöhnen.

Insgesamt haben wir es mit einer Musikpraxis zu tun, die zwar schon von vielen Musiker*innen genutzt wird, bislang jedoch noch nicht systematisch unter pädagogischen Gesichtspunkten erkundet wurde. Daher wäre es super, wenn Beobachtungen und Erfahrungen zu Strategien und Methoden im Kommentarbereich dieses Beitrags geteilt werden.

Kleines Fazit zur Jamulus-Probe

Erfahrungen von erfahrenen Jamulus-Musiker*innen haben uns sehr geholfen: Es lohnt, sich zunächst auf den Ablauf zu konzentrieren. Parallel übt man das aufeinander Hören und aktiv nach vorne Spielen. Unsere Auswahl für die Drums war am Anfang noch eher kontraproduktiv, da vom Sound zu undifferenziert – es ist also wichtig für guten Klang zu sorgen. Geübte Musiker*innen können dann aber auch schon nach ca. drei Proben in die musikalische Gestaltung gehen und improvisieren sowie dynamisches Wechselspiel mit dazunehmen. Erfreulich war, dass sowohl Gesang als auch Querflöte und Violine für ein Zusammenspiel klanglich mit dem Musiandra-Set ziemlich gut übertragen wurden. Es klingt zwar nicht wie eine CD-Aufnahme, sondern leicht angeraut, aber im Spektrum angenehm und in der Übertragung der Dynamik differenziert. Der über Jamulus vermittelte Klang ist sehr räumlich und gut eine Probenstunde auszuhalten.

Konzert

Am Veranstaltungsort lernten wir Musiker*innen vom Hymnen-Projekt uns zum ersten Mal persönlich kennen. Das war dann doch eine kleine Überraschung und große Freude zugleich. Das Bühnen-Setup unterschied sich technisch grundlegend von dem Musiandra-Setup, dennoch gelang nach dem Soundcheck gleich der erste Durchlauf. Selbst die vielen Taktwechsel, Instrumentenwechsel und Impro-Teile klappten auf Anhieb. (Die Hymne war im musikalischen Aufbau recht kleinteilig geworden; alle von uns spielten mehrere verschiedene Apps und ihre Hauptinstrumente und nahmen wechselnde Rollen in der Band ein.) Der Auftritt machte großen Spaß. Wir sind sehr stolz auf unsere Musik und wie wir unter den für uns ungewohnten Online-Bedingungen so viele interessante Lösungen gefunden haben, die auch auf der Bühne nicht nur uns, sondern auch das Publikum überzeugten.

Das Video vom MSdigital-MeetUp am 15. August 2021 in Rendsburg gibt einen Einblick.

Schlussbetrachtung und Ausblick

Das Herausfordernde und Neue an dem Projekt war, dass mit dem zuvor noch kaum getesteten Musiandra-Set erste Probenerfahrungen gewonnen werden konnten.

Mit dem Musiandra-Set wurde eine vergleichsweise kostengünstige (Gesamtpaket unter 180€) und gleichzeitig in der Klang- und Übertragungsqualität ausgewogene Lösung gefunden. Der Vorteil am Musiandra-Set ist, dass die technischen Voraussetzungen für Nutzende allein im Zugang zu einem heimischen Router (z. B. einer Fritzbox) bestehen, woran das Set per LAN-Kabel angeschlossen werden muss. Alle technischen Geräte, Software-Einstellungen und Kabel sind im Set dabei, das in einem Koffer verstaut ist. Als Anleitung genügten die PDF-Datei und ein Zoom-Treffen zur Absprache. Besonders viel Potenzial steckt neben künstlerischen Ensembleprojekten wohl auch in der erweiterten Musiziermöglichkeit im Rahmen von Online-Ensemble-Musikschulunterricht.

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Musiandra-Set PDF-Handbuch

 

Musiandra-Set im Musikschulkontext

Perspektivisch sollte das Setup ohne längere Schulung auch technisch unerfahrenen Schüler*innen oder Lehrkräften ausgehändigt werden können. Grundidee war es, hier eine technische Lösung zu finden, die – wie eine Spielkonsole – kostengünstig und „unkaputtbar“ sowie gleichzeitig auch unabhängig von der individuellen Ausstattung ist und insgesamt auch im Zuge einer standardisierten Bedienung übersichtlich bleibt. Das war das Wichtigste: die Technik überschaubar halten, um die Erfahrung vom Zusammenspiel im Fokus haben zu können. Mit Hilfe der Technik können weite Anfahrtsstrecken oder krankheitsbedingte Unterrichtsausfälle kompensiert werden. Technisch noch ungeklärt ist, unter welchen Bedingungen die Verwendung des Musiandra-Setups auch im (öffentlichen) Musikschulnetzwerk funktioniert. Da hierbei allerdings verwaltungstechnische Netzwerkbeschränkungen zu erwarten sind, empfiehlt sich bislang der Einsatz von Zuhause.

Es soll noch einmal darauf hingewiesen werden: Das vorgestellte Musiandra-Setup ist nur einer unter vielen technischen Ansätzen um mit Jamulus oder alternativen Musizier-Plattformen, wie z. B. Sonobus, relativ ortsunabhängig über das Internet zusammenzuspielen (ein umfangreicher Überblick findet sich hier: Überblicksbeitrag). Anstelle des USB-Großmembran-Mikrofons können auch verschiedene andere Audiointerfaces sowohl in Kombination mit Laptop oder RasPi4 verwendet werden (manche Lehrkräfte nutzen z. B. ein Zoom H2 oder H4n). Im Netz finden sich für Einsteiger*innen leicht zu realisierenden Tutorials wie dieses Beispiel von der Musikschule Hamm:

[Video: Einsteigerfreundliches und umfassendes Tutorialvideo für MacOS und Windows]

Hoffentlich konnte euch konnte dieser Erfahrungsbericht einen Eindruck von dieser noch jungen Form des Musizierens vermitteln. Wer ergänzende Erfahrungen zum Thema „live zusammen über das Internet Musizieren“ hat, möge diese gern in den Kommentaren mit uns teilen.

ist wissenschaftlich als Leiter der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin tätig. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente (insb. Musikapps). Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, Appmusik, Grundlagenforschung zum Musizieren mit digitalen Musiktechnologien.

Als Lehrbeauftragter ist der Diplom-Musik- und Medienpädagoge an mehreren deutschen Musikhochschulen sowie als Dozent für Weiter- und Fortbildungen und auch bei den Appmusik-Workshops bei app2music aktiv. Zudem ist Matthias Krebs Musiker im professionellen Tablet-Orchester DigiEnsemble Berlin.


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