BarCamp: Vielversprechendes Kursformat für Weiterbildungs- und Fortbildungsangebote

Matthias Krebs und Marc Godau | 7. November 2016

Im Rahmen der Weiterentwicklung und Erprobung unseres Weiterbildungsangebotes Zertifikatskurs tAPP  haben wir gemeinsam mit unserem Dozenten Karlheinz Pape ein innovatives Kursformat entwickelt, dass die Bandbreite an Wissen aller an der Weiterbildung beteiligten ernst nimmt und es für das Kursangebot nutzbar macht. Es geht um das Format BarCamp in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Das Prinzip dieses selbstorganisierten Lernformates, das sich bei Konferenzen entwickelt hat, wurde in der ersten Phase des dritten Durchgangs des Zertifikatskurses am Nachmittag des 18.10.2016 in den Räumlichkeiten des UdK Berlin Career College ausgetestet.

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Die meisten Sessions wurden von den Kursteilnehmenden selbst gestaltet. Darunter Basiskurse zu Sounddesign und Ambientmusik und eine Session, in der eine Gruppe von Interessierten ein Klangexperiment umsetzte. // Fotos: Finn Dorian

In der Erwachsenenbildung treffen unterschiedliche fachspezifische Erfahrungen aufeinander. Und weiter ist der Bereich der Fort- und Weiterbildung durch eine enorme Heterogenität der Teilnehmer_innen-Gruppe geprägt. So haben die einen bereits Erfahrungen, die sie in den Kursen vertiefen wollen, während andere niemals zuvor mit dem Thema der Weiterbildung in Berührung gekommen sind. Und somit kommt es zur Situation, dass nicht allein die Dozent_innen über mannigfaltige Erfahrungen verfügen. Auch die Teilnehmer_innen bringen bereits umfangreiches Wissen – z.T. auch zu spezifischen Kursinhalten – zu den Weiterbildungsveranstaltungen mit. So viel muss klar sein: Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt, niemand weiß nichts.

Wie geht man aber nun mit dem Wissen um? Wie kann man das Wissen aller nutzen? Wie kann man den Bedürfnissen und Erwartungen der Teilnehmer_innen gerecht werden und die eigene Expertise zur Geltung zu bringen? Wie können Teilnehmer_innen ihr Wissen in das Kursangebot einbringen und wie können sie Wertschätzung gegenüber ihrer eigenen Expertise erfahren?

Das BarCamp im Zertifikatskurs tAPP

In der ersten Phase des dritten Durchgangs des Zertifikatskurses tAPP wurde erstmalig ein BarCamp durchgeführt. Dieses setzt vor allem auf selbstorganisiertes Lernen: Teilnehmenden wählen selbst die Session-Themen aus, die sie besuchen. Sie werden selbst zu Dozent_innen in einem thematisch breiten Themenangebot. Thema des BarCamps war „Musik mit Apps in der Kulturellen Bildung“. Das folgende Video gibt einen Einblick in die Methode dieses neuen Formates für die Weiterbildung:

Wir sind froh, dass wir Herrn Karlheinz Pape für die Erprobung dieses Lernformates in der ersten Phase des dritten Durchgangs gewinnen konnten, der die Moderation des BarCamps übernahm. Karlheinz Pape ist Initiator der Corporate Learning Alliance (CLA), die sich mit den Veränderungen des Anspruchs an Lernen in Unternehmen beschäftigt. Darüber hinaus gehört zu den Experten für BarCamps und war zuletzt verantwortlich für das CorporateLearningCamp CLC16.

Viele Kursteilnehmer_innen, die Dozent_innen und wir wissenschaftliche Mitarbeiter_innen der Forschungsstelle Appmusik ziehen ein sehr positives Fazit nach der Abschluss-Runde am Ende der ersten BarCamp-Veranstaltung: Das BarCamp hat sich als sehr intensive Form des Austauschs, des Lernens und der Wissensweitergabe erwiesen.

  • Einbindung heterogener Wissensbereiche
  • Einbringen eigener Erfahrung
  • Die eigenen Kompetenzen als Stärken und Motivationen reflektieren und präsentieren
  • Lernen im emphatischen Austausch mit- und voneinander
  • Auflösung starrer Machtverhältnisse

In diesem Blogbeitrag soll das BarCamp als innovatives Kursformat in der Weiterbildung vorgestellt werden und über den Ablauf der ersten Erprobung berichtet werden.

Was ist ein BarCamp?

Das BarCamp hat sich als alternatives Konferenzformat entwickelt. Bei einer herkömmlichen Konferenz, entscheiden die Veranstalter_innen, welche Themen auf die Agenda kommen und welche Expert_innen über diese Themen referieren. Das Publikum wird eingeladen zuzuschauen und zuzuhören und im Anschluss Fragen an Vorträge zu stellen. Wenn man sich jedoch die gesammelte Expertise im Publikum anschaut, dann ist diese deutlich breiter und differenzierter ausgeprägt, als sie ein Referent darstellen kann. Denn bereits das spezielle Publikum einer Konferenz besteht aus Personen, die in relevanten Feldern Erfahrungen gesammelt und ihre Profession entwickelt haben.

Warum dann nicht die Expertise des gesamten Plenums zu nutzen? Genau das ist die Grundidee des BarCamps. Veranstaltende stellen lediglich den Rahmen zur Verfügung, damit die Veranstaltung ordentlich – also in den wesentlichen Strukturen organisiert – stattfinden kann und das Wissen aller Teilnehmenden in den Diskurs eintreten kann.

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Karlheinz Pape diskutiert mit den Teilgeber*innen das BarCamp-Prinzip. // Foto: Finn Dorian

Seit 2006 finden BarCamps als Tagungsformate mit einer offenen Struktur statt. Inhalte und Abläufe werden von den Teilnehmer_innen zu Beginn der Tagung selbst entwickelt und im weiteren Verlauf gestaltet – daher auch die Bezeichnung als „Un-Konferenz“. Wurden anfangs auf BarCamps eher Themen wie Webanwendungen und Open-Source-Technologien diskutiert, finden sich mittlerweile auch regelmäßig Barcamps zu weiteren Themen statt, etwa das EduCamp zu Fragen des Lehrens und Lernens  aber auch BarCamps, die keine thematischen Vorgaben vorschreiben (BarCamp-Liste hier).

Das BarCamp lebt durch die Beiträge seiner Teilnehmer_innen.

Ein BarCamp besteht aus Vorträgen und Diskussionsrunden (sogenannte Sessions), die zu Beginn – in sogenannten Grids (Stundenplan) – durch die Teilnehmer_innen selbst festgelegt werden. Alle Teilnehmer_innen sind bei den meisten BarCamps aufgefordert, beim ersten Mal einen Vortrag zu halten oder eine Diskussionsrunde zu organisieren. Später kann jede_r als Teilnehmer_innen oder Referent_in auftreten. Da die Rollen, wer Zuschauer_in und wer Vortragende ist, verschwimmen, hat sich die Bezeichnung als „Teilgeber_innen“ eingebürgert. Denn es besteht in diesem Grundprinzip keine Pflicht, man kann auch ohne eigene Session teilnehmen und mitdiskutieren.

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Vorstellung der Sessions: Zu Beginn stellen die Teilgeber_innen ihre Sessions vor. Sie werden dann in den Sessionplan geheftet. // Foto: Matthias Krebs

Zu Beginn eines BarCamps stellt ein_e Moderator_in die Grundidee des BarCamps vor und erläutert die Regeln. Da es während des BarCamps keine feste Programmplanung gibt, sind die Teilnehmer_innen zu Beginn aufgefordert, ihre Themen auf ein Kärtchen zu schreiben. Sie werden anschließend vor das Plenum gebeten, um kurz vorzustellen, wie sie ihre Session füllen möchte. Dies soll in maximal drei Sätzen geschehen. Angebote können z.B. in der klassischen Form eines Vortrags passieren – interessant ist aber auch, ein Thema, eine Problemstellung oder Fragen zur Diskussion zu stellen.

Das Konzept stellt dabei alle auf Augenhöhe. Zusammen mit dem aktiven Einbinden aller Personen, entsteht auf diesem Weg ein intensiver Wissensaustausch, es werden neue Ideen generiert, gemeinsame Projekte angestoßen und Kontakte geknüpft.

Nach der Themenvorstellung wird die entsprechende Karte vom Moderierenden in den Raum- und Zeitplan (=Sessionplan) etwa auf einem FlipChart zusammengetragen. Dieser Sessionplan bleibt über den Verlauf des BarCamps ersichtlich, an dem sich alle Teilnehmenden stets orientieren können.

Auf die notwendige strikte Einhaltung der Zeitslots achten alle Teilnehmenden in ihren Sessions selbst.

Was ist, wenn sich herausstellt, dass die Session nicht den Erwartungen entspricht?

Karlheinz Pape erklärte dazu im Einführungsvortrag des BarCamps: „Nehmen wir mal an, es läuft in der Session nicht so, wie ihr es euch vorgestellt habt, so gibt es zwei Möglichkeiten: Erste Möglichkeit ist, sich in die Diskussion so einzubringen, dass die Diskussion in die richtige Richtung geht. Wenn ihr aber merkt, die anderen sind alle auf einem ganz anderen Dampfer, einfach aufstehen, rausgehen, nicht sagen. Man muss sich nicht dafür entschuldigen, es ist kein Affront gegenüber dem Sessiongeber. Ihr habt euch einfach zu dem Thema etwas Anderes vorgestellt.“

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BarCamp-Sessionplan: Nachdem die Themen zusammengetragen und in den Sessionplan eingetragen wurden, kann es losgehen. // Foto: Matthias Krebs

Gerade die Selbstorganisation von BarCamps erlaubt eine stets aktive Rolle aller Teilnehmenden. Das BarCamp liefert nur einen Rahmen, die Form regelt sich über das über die Interaktionen des Plenums. Und diese Selbstorganisation bedeutet sowohl Ermöglichung als auch Verpflichtung zur Verantwortung für sich persönlich. Dazu Pape: „Ihr entscheidet, wo ihr hingeht. Und wenn das BarCamp zu Ende ist, gibt es deshalb selten Grund zur Unzufriedenheit. Denn entweder habt ihr die falschen Sessions für euch selbst gewählt, oder aber ihr habt eure Wunsch-Themen nicht selbst eingebracht.“

Was ist wichtig für eine funktionierende Infrastruktur?

Wichtig ist eine Infrastruktur, die für funktionierende Netzwerke sorgt, für ausreichend Scheibutensilien und Räume. Eine Grundregel von BarCamps besagt, dass alle Teilnehmer_innen gehalten sind, die Sessions aufzuzeichnen, darüber zu bloggen oder in einer sonstigen Form der Allgemeinheit zugänglich zu machen. So bedarf auch die Sammlung und Verteilung der Ergebnisse einer guten Struktur.

Der Erfolg der Veranstaltung hängt dabei letztlich auch an der Fähigkeit der Veranstalter_innen. Denn nach dem BarCamp sind auch sie als gutes Vorbild in der Verantwortung, die Projektgruppe bei der Umsetzung oder der Veröffentlichung ihrer Ideen und Erkenntnissen zu unterstützen und zu begleiten.

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Schon drei Tage nach unserem BarCamp hat Karlheinz Pape einen Blogbeitrag über seine Beobachtungen im Zertifikatskurs und über die darin stattgefundene BarCamp-Veranstaltung veröffentlicht: Link

Ist das BarCamp überhaupt ein Weiterbildungsformat?

Die Welt verändert sich rasend. Bei der Planung von Weiterbildungsformaten steht man schon heutzutage vor der Herausforderung, nicht über die Bündelung von Wissen nachzudenken, sondern über den Umgang mit Komplexität. Somit hat sich in den letzten Jahren Fokus zunehmend verschoben vom Wissenskanon hin zur Kompetenzorientierung (Stichwort: das Lernen lernen). Die damit verbundene gesellschaftliche Forderung des Lebenslangen Lernens besagt demnach nichts Triviales. Es geht nicht darum, dass wir ein Leben lang lernen. Es geht darum, dass die derzeitige und künftige Gesellschaft mehr denn je dazu verpflichtet, zu lernen. Dies zeigt sich insbesondere in heutigen Berufsbiographien, die sich verzweigt, nicht geradlinig (Schule-Ausbildung-Beruf) darstellen.

Wie können aber nun Weiterbildungsangebote statt auf Wissenshoheit auf Ungewissheit vorbereiten? Wissen – also unterschiedliches Wissen – wird damit zur Ressource.

Trotz der vorherrschenden Situation, dass wohl kaum noch Anbieter_innen von Fortbildung eine solche Ausrichtung negieren, basieren vielerorts Vermittlungsformate auf einem altbewährten – aber eben alten – Prinzip: Ein Lernziel für alle, innerhalb einer Zeiteinheit (Reheis 2013). Gegenmodelle stellen selbstorganisierte Lernsettings dar, die sich (jedoch) der Kontrolle der Lehrenden entziehen. Im Mittelpunkt stehen die Bildungsprozesse der einzelnen Lerner_innen.

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Gerade die Selbstorganisation von BarCamps erlaubt eine stets aktive Rolle aller Teilnehmenden. // Foto: Finn Dorian

Um der Herausforderung gerecht zu werden, mehrere Lernziele anbieten zu können (d.h. unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden) und darüber hinaus auch die Erfahrungen und Kompetenzen der Teilnehmer_innen ernst zu nehmen und ein selbstorganisiertes Angebot zu schaffen, so dass die Teilnehmenden konsequent in die Eigenverantwortung für das eigene Lernen nehmen kann, haben wir uns entschlossen, das Format BarCamp in unseren Zertifikatskurs zu integrieren.

BarCamp als Lernsetting mit Vorbild Fachforen

Bei der Erprobung des BarCamps in unserem Weiterbildungssettings Zertifikatskurs tAPP übernahm Karlheinz Pape die Moderation. Er erläuterte wie das BarCamp-Format einen Rahmen herstellt, um selbstgesteuertes Lernen zu ermöglichen bzw. zu erleichtern und damit schon recht nah an informelle Lernprozesse herankommt. Besonders ist in diesem Zertifikatskurs, dass allein durch die Heterogenität der Musiker_innen ein Rahmen aufgespannt wird, in dem die diversen, auch gegensätzlichen Erfahrungen gewinnbringens aufeinandertreffen können. Karlheinz Pape referierte drei Grundprinzipien, die er für besonders wichtig hält:

#1. Wertschätzung

BarCamps nehmen ihren Ursprung im Internet. In den Fachforen hat sich eine spezielle Kommunikationskultur entwickelt. Dort diskutieren Personen jahrelang miteinander, nehmen eine Menge Mühe und Energie auf sich, um die angestoßene Diskurse weiterzuführen und neue Beiträge zu eröffnen. In der Regel bekommen sie dafür kein Geld. Ein wichtiges Erfolgsrezept ist für Pape die positive Anerkennung.

„Wenn man ein paar Mal blöd angemacht wurde, fragt man sich, habe ich es nötig und zieht sich zurück“, so Pape. Das wäre der Tod von Fachforen. Da das alle wissen, achten die Teilnehmer_innen dieser Fachforen gemeinsam darauf, dass man in den Foren sehr wertschätzend mit einander umgeht. Und dann kommen so Kommentare wie „Dein letzter Beitrag war besonders toll, der hat mich zu folgendem gebracht…“. So würden wir es im persönlichen Gespräch nicht so sagen – das wäre übertrieben. In Fachforen aber herrscht eine extrem wertschätzende Grundhaltung. Verstöße dieser Kultur – etwa durch beleidigende Äußerungen ­– werden von den Mitgliedern aufgedeckt und verhandelt. So kommen andere und sagen »Hey so wollen wir nicht miteinander umgehen!« Eine solche empathische Grundhaltung, die in Kommunikationsschulen seit einiger Zeit erkannt wurden (z.B. Ruth Cohn oder Marshall Rosenberg), gehört damit zu den wichtigen Bedingungen der Kommunikationskultur im Netz. Gerade dies kann auch einen entscheidenden Hinweis für unseren alltäglichen Umgang miteinander geben.

#2. Gleiche-Augenhöhe-Prinzip

Wenn man sich Fachforen genauer anschaut, erkennt man schnell ein absolutes Gleiche-Augenhöhe-Prinzip. Das kommt daher, dass man dort nicht sicher sein kann, ob der andere mit dem man da diskutiert ein_e Professor_in oder ein_e Teenager_in ist. Das einzige was zählt, sind die Foren-Beiträge. Und nimmt man diesen Punkt ernst, so ist zunächst einmal nebensächlich, welche Funktion ein Mitglied im Leben außerhalb des Forums hat. Wichtig ist es im BarCamp eine solche symmetrische Grundeinstellung herzustellen.

In BarCamps großer Unternehmen und mit Politiker_innen wurde daher die Regel „Anrede mit dem Vornamen“ eingeführt, wodurch in der Regel auch alle Titel wegfallen. „Und dann ist man auch schnell beim Du. Nach dem BarCamp gilt dann wieder der Normalzustand, wenn nichts Anderes vereinbart worden ist“, so Pape.

#3. Zulassen von unterschiedlichen Meinungen

Ein drittes Merkmal des Wissensaustauschs in Fachforen ist, dass man sich nicht auf eine Wahrheit einigen muss. Es dürfen auch konträre Meinungen nebeneinander existieren. Und darin liegt ein Potential für neue Ideen und auch dazu, dass andere Perspektiven in den Foren bekommt zu interessanten, unerwarteten Erklärungen führt: Aha, so kann man das auch sehen.

Das unbedingte Auftreten von Mehrperspektivität kennzeichnet die Faszination von online-Communities. Pape erläutert: „Wenn man einem Referenten in einem Vortrag folgt, dann hat man eine Perspektive. Und wenn alles logisch ist, was der sagt, ja dann hat der Recht, aber vielleicht sehen es andere auch noch etwas anders. Also man tut sich noch etwas schwer, das einfach zu übernehmen. Kriegt man aber gleich mehrere verschiedene Perspektiven auf einen Gegenstand geliefert – und in einem Fachforum passiert das üblicherweise – dann hat man es viel leichter seinen sicheren Standpunkt zu finden.“

Diese drei Grundregeln – Wertschätzung, Gleiche-Augenhöhe-Prinzip und Zulassen konträrer Meinungen – gelten heute ganz selbstverständlich in auch in BarCamps. „Man hat diese Regeln so eingeführt, aber was heißt hier Regeln, es sind eigentlich ein Absenken von den unbewussten Regeln, die wir sonst so im normalen Zusammenleben auch haben. Man kann sagen: Wir kommen jetzt im BarCamp auf eine natürlichere menschlichere Kommunikation“, so Pape. Auch in dieser Aussage spiegelt sich der informelle Charakter in diesem Format des Wissensaustauschs wieder.

Selbstorganisiertes Lernen, wie es in BarCamps gelingt, erfordert viel Verantwortung für das eigene Handeln. Eigene Bedürfnisse müssen wahrgenommen werden. Aber es gilt ebenso, andere wahrzunehmen und sie bei ihren Lernprozessen zu unterstützen. Selbstorganisiertes Lernen schließt eines grundsätzlich aus: Fremdorganisation. Selbstorganisiertes Lernen ist der Königsweg zum kontinuierlichen Lernen, und das geht nur, wenn man mit seinen Bedürfnissen verbunden ist.

Zu den Inhalten des ersten BarCamps

Bei unserem BarCamp im Rahmen der ersten Phase des Zertifikatskurses tAPP hatten wir uns in der Planung für die Durchführung am Nachmittag entschieden. Um 15:00 Uhr sollte es starten und bis 18:30 Uhr laufen. Daher haben wir uns für 25 Minuten pro Session-Slot und 5 Minuten zum Wechseln entschieden. So konnten an einem Nachmittag 5 Sessions nacheinander stattfinden. Dafür hatten wir drei freie Räume parallel.

Die meisten Sessions wurden von den Kursteilnehmenden selbst gestaltet. Darunter Basiskurse zu Sounddesign und Ambientmusik, zur Verwendung der Audiosoftware Ableton Live und eine Session, in der in eine Gruppe von Interessierten ein Klangexperiment umgesetzt wurde.

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Die meistern Sessions wurden von den Kursteilnehmer_innen gestaltet. So brachten sie ihre Expertise in den Weiterbildungskurs ein. // Foto: Finn Dorian

Daneben gab es auch Sessions von Dozentinnen des Zertifikatskurses. So zeigte z.B. Stefan Gisler wie man Musikvideos von YouTube mit dem iPad herunterladen und in eine andere Musikapp transferieren kann, um sie dort zu transponieren oder die Geschwindigkeit zu verändern. Das ist nützlich zum Covern. Karlheinz Pape thematisierte in einer von ihm geleiteten Session seine Erfahrungen mit Twitter als Lerntool.

„Leider waren zum unserem ersten BarCamp noch keine externen Gäste dabei gewesen.“, so das Kredo vieler Teilnehmender_innen in der Abschlussbesprechung zum BarCamp. Sicher wäre es auch schön, ehemalige Teilnehmende des Zertifikatskurses tAPP dabei zu haben, die ihre Erfahrungen aus der Praxis mit einbringen. Beim nächsten BarCamp wollten die Kursteilnehmer_innen das BarCamp selbst bekannt machen und Freunde und Bekannte darauf hinzuweisen.

Lernziele des BarCamps

Vordergründig ging es uns darum, anhand des BarCamp-Formates den Teilnehmenden eine Möglichkeit zur Umsetzung selbstorganisierten Lernens vorzustellen. Genauer betrifft das eine Lernkultur, die einerseits die Potentialentfaltung und Verantwortung des Einzelnen in den Blick nimmt und andererseits auch Mut zur Umsetzung erfordert. So äußerten einige, mit denen man über BarCamps ins Gespräch kommt, immer wieder ihr Misstrauen in das Gelingen aufgrund eines Misstrauens in die Expertise der Teilnehmenden. Hier bleibt dann zu fragen, wer über die Vertrauenswürdigkeit bzw. -unwürdigkeit entscheidet?

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Ein Tipp von Karlheinz Pape: „Wenn du dir unter einem Session-Thema mal nix vorstellen kannst, dann geh‘ hin. Das entpuppt sich meist‘ als die spannendste Session.“ // Foto: Finn Dorian

Es ist vielmehr so, dass seit der Entwicklung des Internets und der damit verbundenen immer schwerer nachvollziehbaren Rückführung des Wissens auf bestimmte glaubwürdige Quellen, eine wichtige Kompetenz im Filtern, im Rückverfolgen und dem Infragestellen jeglichen Wissens liegt. Zudem kennzeichnet sich auch das Wissenschaftssystem – und das ist eher der Regelfall – durch Theoriemodelle, die einander diametral gegenüberstehen.

Darüber hinaus waren die Kursteilnehmenden dazu angehalten, ihr Erleben in den Sessions, die Diskussionen in den Sessions sowie ihr Lernen in ihren Portfolios zu dokumentieren und reflektieren.

Unser Fazit: BarCamp als sinnvolles Weiterbildungsformat

Insgesamt erfüllt das Prinzip eines BarCamps einige der zentralen Ansprüche, die wir an die Konzeption und Durchführung unseres Weiterbildungsangebotes richten. Dabei verstehen wir Praxis im Sinne des situierten Lernens als Partizipation an einer Community of Practice. Partizipation als Teilnahme ist wiederum doppelt belegt als Form des Handelns und der Zugehörigkeit (mehr dazu hier).

Das BarCamp kann für solche Lernangebote als konkrete Methode dienen. Es kann den Lernanspruch, der das situierten Lernen, als selbstständiges und kollaboratives Lernen in den Blick nimmt, im Sinne einer insgesamt auf Eigenaktivität und Selbstbestimmung ausgelegte Didaktik gerecht werden.

  • von der einsamen Wissensaneignung zur gemeinsamen Praxis im Sinne einer Community of Practice
  • von der Trennung zur Verknüpfung von Lernerbiographie mit Konfrontation durch neue Situationen

Dabei passt das Format BarCamp gut in das Weiterbildungskonzept unseres Entwicklungs- und Erprobungsprojektes TOUCH:MUSIC. Um die Kursentwicklung besser zu verstehen und weiterzuentwickeln, haben wir eine explorative Studie durchgeführt und erste Ergebnisse unlängst auf der Jahrestagung des AMPF 2016 in Form eines Forschungsposters vorgestellt. Untersucht wurde ausgehend vom Konzept der Community of Practice die Vermittlungsmethoden und Lernformate. Dazu findet sich hier ein Blogartikel.

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Forschungsposter: Weiterbildung als Community of Practice? Mehr dazu im Blog der Forschungsstelle Appmusik.

Darüber hinaus war das BarCamp gleichzeitig Lerngegenstand: Während der 5-tägigen Kursphase des dritten Durchgangs des Zertifikatskurses tAPP wurde das BarCamp und das Lernen in den einzelnen Sessions in Diskussionsrunden umfangreich reflektiert. Darin ging es um das Abwägen positiver und negativer Aspekte sowie vor allem um das Finden von Konsequenzen. Aus einer pädagogischen Sicht, die mit der Weiterbildung eingenommen wird, ist es doch weniger entscheidend, welche Position man bezieht bzw. wie man aktuell etwas erlebt. Grundlegender ist das Ziehen einer daraus resultierenden Handlungsoption: Wie kann ich anderes tun?

Unser Fazit auf die eingangs gestellte Frage, ob sich das BarCamp als zukünftiges Kursformat unserer Weiterbildungs- und Fortbildungsangebote eignet, fällt daher positiv aus. Unsere ersten Erfahrungen mit dem Format BarCamp aus der ersten Kursphase des Zertifikatskurses tAPP zeigen uns, dass sich das BarCamp (als alternatives Konferenzformat aus dem Unternehmensbereich) auch für Weiterbildungskontexte eignet. Wir werden das BarCamp auch in den nächsten Phasen des Zertifikatskurses tAPP weiter integrieren.

Knapper Überblick zum BarCamp am 18.10.2016:

Termin: 18.10.2016 von 15 bis 18:15 Uhr

Ort: Appmusik Studio der Universität der Künste Berlin und weitere Räumlichkeiten

Session-Themen:

  • 16 iPads, 30 Kinder und ein Roboter #ideen #weitere Anregungen gesucht
  • Gemeinsamer Klangraum mit SoundPrism #klangarchitektur #komposition #hören
  • Improvisation von Ambient-Musik mit der App Samplr
  • Synthesizer
  • Ableton Live on Stage! – #presets umschalten #advanced
  • Ableton Live Einführung #erste Schritte #beginner
  • Bewegungssteuerung von Sounds & Effekten
  • YouTube-Videos downloaden und transponieren
  • App-Mixer-Routing
  • Audio-Recording/Sharing/Verwaltung auf dem iPad #editing #recording #sharing
  • Twitter als Lerntool #persönlicher erfahrungsbericht
  • Lernen in Netzwerken
  • Wertschätzung anstatt Bewertung
  • Improvisation von Ambient-Musik mit der App Samplr #teil2

Wie geht es weiter?

Am 12.11.2016 soll schon das nächste BarCamp zum Thema Musik mit Apps wiederum im Rahmen des Zertifikatskurses tAPP stattfinden. Auch dieses BarCamp ist offen für alle und die Teilnahme wieder kostenlos.

  • Termin: 12.11.2016 von 15 bis 18:30 Uhr
  • Ort: Appmusik Studio der Universität der Künste Berlin und weitere Räumlichkeiten
  • Oberthema: Musikmachen mit Apps
  • Teilnahme: offen für alle, Teilnahme kostenlos
  • Hashtag: #barcamptapp – twittern wir, was das Zeug hält!

Zur Bewerbung des BarCamps wurde mit den Teilnehmenden abgestimmt, dass das Video (siehe oben) verwendet werden kann. Nicht zuletzt soll dieser Blogbeitrag dazu beitragen, dass interessierte Gäste erfahren können, was sie bei einem BarCamp erwartet.

Ein BarCamp ist Raum zum Wachsen. Deine aktive Teilnahme und das Leiten der Sessions helfen dir, dich persönlich weiterzuentwickeln und neue Erfahrungen zu machen.

Wir laden Sie herzlich ein, am 12. November beim nächsten BarCamp dabei zu sein. Außerdem würden wir uns sehr freuen, wenn Sie uns bei der Bekanntmachung des BarCamps durch Teilen des Videos und des Beitrages zu unterstützen.

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Fotos: Matthias Krebs

Literatur:

Feldmann, Frank; Hellmann, Kai-Uwe (2015): „Partizipation zum Prinzip erhoben“. Thorsten Knoll (Hrsg.) Neue Konzepte für einprägsame Events. Partizipation statt Langeweile – Vom Teilnehmer zum Akteur. Wiesbaden: Springer / Gabler, S. 29 – 54.

Pape, Karlheinz (2013): Qualität von BarCamps
https://khpape.wordpress.com/2013/11/05/qualitat-von-barcamps/

Reheis, Fritz (2013): Entschleunigung: Über den Umgang mit Zeit beim Lernen und im Leben – oder: die Befreiung vom Hamsterrad. Schriftliche Fassung des Beitrags für den Ganztagsschulkongress in Augsburg vom 20.-22.11.2013. http://www.ganztagsschulverband.de/downloads/reheis_vortrag_augsburg_2013.pdf

Müller, Christian (2016): Barcamps für Unternehmen: Weiterbildung mit Netzwerkchancen
http://www.zielbar.de/barcamp-unternehmen-weiterbildung-12411/

Die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Matthias Krebs und Marc Godau sind an der Forschungsstelle Appmusik (FAM) am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin tätig. Seit 2010 beschäftigen sie sich mit der systematischen Erfassung des Phänomens Appmusik sowie den daraus resultierenden pädagogischen Implikationen dieser veränderten musikalischen Praxis. Im Rahmen von TOUCH:MUSIC (BMBF-gefördertes Verbundprojekt mit der Bundesakademie Wolfenbüttel) entwickeln und erproben sie eine Qualifizierungsmaßnahme zur Professionalisierung von Musiker_innen für das Berufsfeld musikalisch-kreativer Vermittlungsarbeit in der Kulturellen Bildung. Darüberhinaus führen sie regelmäßig Workshops mit unterschiedlichen Zielgruppen durch und veröffentlichen Erkenntnisse in Fachzeitschriften und auf mehreren thematischen Blogs.