Forschungsposter: Weiterbildung als Community of Practice?

Marc Godau und Matthias Krebs | 22. Oktober 2016

Die Konzipierung einer Weiterbildung steht vor der Herausforderung, etwas zu planen, was sich der Kontrolle entzieht. Dabei geht es im Kern darum, dass es bei der Gestaltung einer Weiterbildung nicht vorhersehbar ist, was darin gelernt wird. Denn dazu wäre es nötig, standardisierte Verfahren zu entwickeln, um den Output in Form spezifischer Kompetenzen messbar zu machen. Im Folgenden wollen wir einen Ansatz vorstellen, der sich abgrenzt von der Vorstellung des Lernens als Aneignung, um Handlungsvoraussetzungen zu schaffen, und der vielmehr eine Ausrichtung des Lernens auf den Prozess der Mitgliedwerdung bzw. Enkulturation innerhalb einer Praxisgemeinschaft (im Sinne der Community of Practice) betont.

wissensgemeinschaften_poster_ampfDie Entwicklung einer Weiterbildung ist mit vielen Unbekannten verbunden: Was die Teilnehmenden einer Weiterbildung an Erfahrungen und Erwartungen mitbringen, ist unbekannt und schlägt sich während der Konzeptionsphase in idealisierter Form in Wunschvorstellungen der Kursentwickler wieder. Zudem ist es schwer bis überhaupt nicht abzusehen, was innerhalb einer Weiterbildung überhaupt vermittelt wird. Das liegt daran, dass weder bis zur Gänze überprüft werden kann, was die einzelnen Teilnehmer_innen aus Kursen letztlich mitnehmen, noch was die viele Mühe ihnen im Anschluss an die Weiterbildung überhaupt gebracht hat. Nicht zuletzt geschieht Lernen in einer Weiterbildung nicht nur (formal) in Kursveranstaltungen, sondern auch (informell) darüber hinaus: beim gemeinsamen Essen, in Gesprächen, auf Facebook, in gemeinsamen Projekten etc.

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Die untersuchten Interaktionskontexte der Studie „Weiterbildung als Community of Practice?“.

Im Rahmen des BMBF-geförderten Projektes TOUCH:MUSIC bei dem der »Zertifikatskurs tAPP – Musik mit Apps in der Kulturellen Bildung« entwickelt und erprobt wird, suchen wir nach neuen Wegen, um diese Herausforderung anzugehen. Dabei orientieren wir uns bei der Kursentwicklung an dem Konzept der Community of Practice (Wenger 2016). Dieses Konzept ist seit längerem besonders in der Organisationsentwicklung etabliert (vgl. z.B. Zboralski 2007). Aber auch in der Musikpädagogik wird seit den letzten Jahren versucht, die CoP als Brille der Beobachtung von Erfahrungskontexten für die Ausbildung von Kompetenzen angehender oder berufstätiger Musikpädagog_innen einzusetzen (vgl. Ardilla-Mantilla 2013; Ilari, 2010).

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Abbildungsbeschreibung: Von legitimer peripherer zu vollständiger Partizipation / Grafik: MG

Mitglieder einer Community of Practice (sog. Wissensgemeinschaften) lernen, indem sie in regelmäßigen Interaktionen und im Hinblick auf einen geteilten Interessensbereich innerhalb einer gemeinsamen Praxis mit- und voneinander lernen. Das Besondere an dieser Lerntheorie – die an anderer Stelle bereits näher beleuchtet wurde – ist das Verständnis von Lernen nicht als Aneignung (= Lernen als Aneignung von etwas), sondern als Teilnahme (Lernen als Mitgliedwerdung).

Ausgehend vom Konzept der CoP haben wir eine explorative Studie durchgeführt, um unsere Kursentwicklung besser zu verstehen, die Vermittlungsmethoden und Lernformate zu reflektieren. Dabei haben wir nach neuen Wegen gesucht, um diese Herausforderungen aufzugreifen und die positiven Bedingungen aufzuspüren, die die Teilnehmenden nachhaltig für den anvisierten Erwerbszweig qualifiziert. Das Ergebnis der Studie wurde schließlich am 14. Oktober 2016 auf der Jahreskonferenz des Arbeitskreises für Musikpädagogische Forschung (AMPF) in Form eines Forschungsposters vorgestellt. Vor angereisten musikpädagogischen Forscher_innen aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und Norwegen, fassten wir darauf die Problemstellung, Erhebungsmethoden und Ergebnisse zusammen. Im Folgenden seien zentrale Punkte des Forschungsposters knapp erläutert.

 

Weiterbildungskonzept nach den Prinzipien der CoP

Mit der Konzeption des Zertifikatskurses tAPP, angelehnt an die Organisationsstruktur einer CoP (Lave & Wegner, 1991; Wenger 1998), orientieren wir uns an einer sozialen Lerntheorie, die gerade die sozialen Aspekte des Wissensmanagements berücksichtigt. Das bedeutet eine Grundannahme des sozialen bzw. situierten Lernens als Prozess des Mitgliedwerdens in einer Praxisgemeinschaft, wobei auch implizites Lernen eine Rolle spielt, das den Mitgliedern mitunter gar nicht bewusst ist. Lernen ist hierin nicht Aneignung, sondern Mitgliedwerden als Partizipation.

Weiterbildung als Community of Practice?     Nein!
Die Weiterbildung ist zunächst eine Organisation, in der sich ganz unterschiedliche Communities bilden, die nicht mit der Organisation gleichzusetzen sind (vgl. Reinbacher 2007).  Wenn es hier um die Ausrichtung am Konzept des situierten Lernens geht, dann meint das eine Unterstützung informellen Lernens sowie eine theoretische Brille, die die Beobachtung von Wissenspraxen erst ermöglichen.

Demnach gilt als Grundlage folgendes Verständnis von Wissen: Wissen ist immer ein praktisches Wissen (im Gegensatz zum trägen Faktenwissen), das in ko-konstruktiven Prozessen entsteht. Wissen verändert sich im sozialen Austausch, es hat dynamischen Charakter. Wissen ist kein Bestand, sondern ein Wissen, das sich im Handeln innerhalb des Erfahrungskontextes einer Wissensgemeinschaft bewährt.

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Abbildungsbeschreibung: Seminarszene aus dem Zertifikatskurs tAPP – Musik mit Apps in der Kulturellen Bildung / Foto: Lukasz Fabijanczyk

Im Ansatz der Community of Practice sind Kompetenzen weniger „die individuellen, mentalen Handlungsvoraussetzungen […] als Disposition einer Person“, betont wird damit „die Kontextabhängigkeit von Handlungen“ (Wegner & Nückles 2013: 16) und damit die Situierung von Wissen innerhalb der Gemeinschaft. Dies zeigt den deutlichen Unterschied zwischen Lernkontext als die je rahmende und legitime Kultur einer Wissensgemeinschaft und ein alltägliches Situationsverständnis von ereignishaftem Möglichkeitsbereich.

Das hat Folgen für die Gestaltung der Weiterbildung. So werden die Kursteilnehmenden stets in die Gestaltung der verschiedenen Formate einbezogen. Das situative bzw. soziale Lernen wird weiterhin durch die breite Vielfalt an Lehr- und Lernformen möglich, die nah an der Erfahrungswelt der Musikerinnen und Musiker sowie der Lehrenden sind. Dies soll an anderer Stelle noch einmal ausführlich dargestellt werden.

 

Community of Practice als Brille der Beobachtung von Erfahrungskontexten

Darüber hinaus eröffnet der Ansatz der Community of Practice im Rahmen einer Erforschung der Weiterbildung die Möglichkeit, diese auf den geteilten Wissensbereich hin zu beleuchten. Dies ist aus pädagogischer Hinsicht interessant, da es den Output des Wissens untersucht, wobei es nicht um das Wissen des Einzelnen, sondern das verhandelte Wissen der Community of Practice geht.

Damit ist der forschende Umgang mit dem vorliegenden Datenmaterial kein Abprüfen eines vermittelten Wissens, sondern das Suchen des verhandelten Wissens innerhalb der Community. Darüber hinaus bindet sich daran eine Haltung, die Weiterbildung im Sinne eines Practice Research Ansatzes (Juhl 2014) weiterzuentwickeln, d.h. die Erkenntnisse des Forschungsprozesses wiederum in die Praxis der Weiterbildung zu integrieren und diese wiederum zu beforschen etc.

Die leitende Fragestellung der Studie lautet: Welches Konzept von Musikpädagogik mit digitalen Mobiltechnologien wird innerhalb Community entwickelt?

  • Welche Bedingungen beeinflussen Prozesse der Bedeutungskonstruktion?
  • Wie wird Wissen über Musik, Pädagogik und Apps ausgehandelt?

 

Methode und Methodologie

Während der Weiterbildungsdurchgänge und auch danach sammelte sich enorme Menge an Datenmaterial an, welches für eine Erforschung dienlich sein kann. Die Datengrundlage für das auf dem Poster präsentierte Forschungsprojekt bildeten Lerntagebücher der Teilnehmer_innen, veröffentlichte Blogartikel der Teilnehmer_innen, Gruppendiskussionen aus verschiedenen Phasen der Weiterbildung sowie Facebook-Threads und Feedback-E-Mails, in denen nach Spuren dieser Community untersucht wurden.

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Abbildungsbeschreibung: Screenshot aus Atlas TI – Codierungsansicht / Grafik: MG

Diese qualitativen Daten wurden im Stil der Grounded Theory (Charmaz 2006) ausgewertet. In einem iterativ-zyklischen Forschungsprozess wird besonders durch den ständigen Vergleich von Codes, Kategorien und Konzepten sukzessive eine Theorie ausgearbeitet. Diese gilt als open ended, also als Theorie prinzipiell unabgeschlossen sowie offen für neue Entdeckungen. Es kommen neue, kontrastierende Fälle hinzu, mit denen die Theorie stetig weiterentwickelt wird.

 

Ergebnisse der Studie

Es kann an dieser Stelle nicht das gesamte Projekt und dessen Ergebnisse vorgestellt werden. Kurz seien zwei Ergebnisse angeführt, die aus dem Datenmaterial herausgearbeitet wurden:

1. Bedeutung von Apps

Die Bedeutung von Apps bewegt sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Apps als Ärgernis und Apps als Universal-Tool. Zu diesem Ergebnis gelangte die Auswertung von Lerntagebüchern und Gruppendiskussionen, die während verschiedener Phasen der Weiterbildung gemacht wurden. Dabei führt der negative Pol tendenziell zu einer Abwehrhaltung gegenüber dem künstlerischen Einsatz von mobilen Digitalgeräten. Demgegenüber entwickelt sich eine technologieaffine Haltung, die Apps besonders für Vermittlungskontexte qualifiziert.

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Abbildungsbeschreibung: Der Interessenbereich der CoP liegt in der Entwicklung neuer Kultureller Bildungsprojekte mit Apps. Dabei entwickelt sie eine affirmative Haltung gegenüber mobilen Technologien im Kontext musikpädagogischer Praxis. Die einhergehende Qualifizierung für musikpädagogisches Handeln steht darüber hinaus in einem Spannungsverhältnis zur Technologiekritik, die mobile Technologien für künstlerische Praxen infrage stellt. / Grafik: MG

In der künftigen Weiterentwicklung der Weiterbildung Zertifikatskurs tAPP wäre nun zu versuchen, auch die Bedeutung der Digitalgeräte für die eigene künstlerische Arbeit stärker zu beleuchten. Dies hieße eine Reflexion der eigenen Relevanz im Hinblick auf das technologievermittelte Musikmachen. Daneben wären die Bereiche Technologiekritik und Technologieaffirmativ auch in den Kursveranstaltungen oder Lerntagebüchern expliziter zu thematisieren. So könnten über Chancen und Grenzen unterschiedlichster Technologien für die Planung und Gestaltung von Angeboten und das Handeln in musikalisch-künstlerischen Praxen Diskurse erzeugt werden.

2. verwendeten Vermittlungsformen

Aus der Betrachtung der Projekte dargestellt in den Lerntagebüchern und auf dem Blog kann auf eine starke Einheitlichkeit im Hinblick auf die verwendeten Vermittlungsformen hingewiesen werden. So dominieren Appmusik-Projekte, die einen positiven Umgang mit Smarttechnologien forcieren, der den Gegenhorizont zur oben genannten Technologiekritik eröffnen. Diese Projekte kennzeichnen sich u.a. durch folgende Merkmale:

  • Reduktion von Technologieproblemen im Vorfeld von Projekten
  • körperlich-orientierte (Einbezug des Körpers, der Stimme und Materialien) und kreativ-produktive Verfahren (z.B. Verfremden, Improvisieren und Komponieren)
  • Arbeiten in kleinen Gruppen
  • öffentliches Präsentieren gelingenden Arbeitens

Neben den ganz unterschiedlichen inhaltlichen Facetten der einzelnen Projekte zeichnete sich innerhalb der Datenanalyse ein eher homogenes Bild methodischen Arbeitens ab. In künftigen Phasen könnte als Weiterentwicklung der Weiterbildung noch dahingehend geschaut werden, wie die einzelnen Teilnehmer_innen zu ihrer je individuellen Art des Vermittelns gelangen können und inwiefern insbesondere im Hinblick auf methodische Vielfalt selbst innerhalb der Weiterbildung geachtet wird.

 

Forschungsposter zum Download

Das gesamte Poster ist hier unten abgebildet und kann als pdf heruntergeladen und mit anderen geteilt und diskutiert werden.

thumbnail of ampf_poster_weiterbildung-als-community-of-practicemg1mk4 Durch Klicken auf das Bild öffnet sich das Forschungsposter.

 

Literatur

Argyris, C./ Schön, D. (1999): Die Lernende Organisation: Grundlagen, Methode, Praxis. Stuttgart: Klett-Cotta.

Charmaz, K. (2006): Constructing Grounded Theory. A Practical Guide Through Qualtitativ Analysis. Los Angeles u.a.: Sage.

Ilari, B. (2010): A community of practice in music teacher training: The case of Musicalização Infantil. Research Studies in Music Education 32(1), S. 43-60.

Juhl, A. (2014): Pragmatic Inquiry. A Research Method for knowledge creation in organisations. In: Simon, G. & Chard, A. (Hrsg.): Systemic Inquiry. Innovations in Reflexive Practice research. Farnhill: Everything is Connected Press, S. 244-265.

Lave, J. and Wenger, E. (1991): Situated learning: legitimate peripheral participation, Cambridge, Cambridge University Press.

Kenny, Ailbhe (2016): Communities of Musical Practice. Sempre Studies in the Psychology of Music, Routledge: London und New York.

Künkler, T. (2011): Lernen in Beziehung. Zum Verhältnis von Subjektivität und Relationalität in Lernprozessen Bielefeld: Transcript.

Wegner, E. & Nückles, M. (2013): Kompetenzerwerb oder Enkulturation? Lehrende und ihre Metaphern des Lernens. In: Zeitschrift für Hochschulentwicklung 8(1), S.15-29.

Wenger, E. (2006): Communities of practice. A brief introduction, S.1-6. Verfügbar über http://wenger-trayner.com/wp-content/uploads/2013/10/06-Brief-introduction-to-communities- of-practice.pdf (geprüft 05.10.2016).

Zboralski, K. (2007): Wissensmanagement durch Communities of Practice. Eine empirische Untersuchung von Wissensnetzwerken. DUV, Wiesbaden: Springer.

Die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Marc Godau und Matthias Krebs sind an der Forschungsstelle Appmusik (FAM) am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin tätig. Seit 2010 beschäftigen sie sich mit der systematischen Erfassung des Phänomens Appmusik sowie den daraus resultierenden pädagogischen Implikationen dieser veränderten musikalischen Praxis. Im Rahmen von TOUCH:MUSIC (BMBF-gefördertes Verbundprojekt mit der Bundesakademie Wolfenbüttel) entwickeln und erproben sie eine Qualifizierungsmaßnahme zur Professionalisierung von Musiker_innen für das Berufsfeld musikalisch-kreativer Vermittlungsarbeit in der Kulturellen Bildung. Darüberhinaus führen sie regelmäßig Workshops mit unterschiedlichen Zielgruppen durch und veröffentlichen Erkenntnisse in Fachzeitschriften und auf mehreren thematischen Blogs.

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