Musikschulkongress 2019: Musizieren mit Apps

Matthias Krebs | 24. Juli 2019

Die Nutzung von Musikapps, installiert auf Smartphones und Tablets, hat sich innerhalb von zehn Jahren in diversen musikalischen Kontexten etabliert und zu massiven Veränderungen musikalischer Praxen und veränderten Formen musikalischer Rezeption, Produktion und Ästhetik geführt. Häufig wird dabei pauschal unterstellt, dass digitalisierte Formen des Musikmachens nicht sinnlich-körperlich seien. Dies ist besonders deshalb von Bedeutung, da körperliche Handlungserfahrungen in die deutende Auseinandersetzung mit Musik einfließen (Rora 2017:166) und Körperlichkeit nahe am ästhetischen Erleben ist. Anhand eines Fallbeispiels, in dem drei Teenager mit der App PlayGround musizieren, wird phänomenologisch beleuchtet, auf welche Art und Weise und unter welchen technischen Bedingungen diese musikalisch handeln und wie die Handlungsträgerschaft verteilt ist.

„Musizieren mit Technik – Besonderheiten des Musizieren mit Apps“

In diesem Beitrag werden die Folien sowie Links und Videos zum Vortrag von Matthias Krebs beim Musikschulkongress 2019 zur Verfügung gestellt. Hier finden Sie die Folien zum Vortrag: –> Link

 

thumbnail of VdM2019_Musizieren mit Apps_Matthias Krebs

Klicken Sie auf das Bild, um die pdf-Datei zu öffnen.

Im Vortrag wird anhand theoretischer Bezüge und verschiedenen Fallbeispielen aufgezeigt, wie das kreative musikalische Handeln in Interaktion mit Mitspielenden und in experimenteller Interaktivität mit Technologien verortet ist und neue soziotechnische Ordnungen geschaffen werden (Rammert 2016:33 f.). Leitende Anhaltspunkte für die Untersuchung sind: Körperlichkeit und damit verbunden ein symbiotisches Spielgefüge sowie Varianz und kommunikative soziale Interaktion. Die Auswertung wurde schließlich über diese vier Kategorien hinaus noch um eine technographische Analyse erweitert. Im Ergebnis wird eine spezifische Form von Koordination (vgl. Spychiger 2008) als bedeutsam für die spezifische Musizierform identifiziert, wobei programm-technische Verfahren diesen Prozess unterstützen (oder verhindern), in einen stabilen musikalischen Puls zu kommen. Darüber hinaus wird deutlich, wie durch das technische Design der Spieloberfläche die Entwicklung von Gemeinschaft gefördert wird, die sich u. a. in einer ausgewogenen Gleichberechtigung bei Entscheidungen in der Gruppe ausdrückt und darin, dass Handlungsspielräume nicht fest, sondern situativ ausgehandelt werden können.

Illustrierende Videos / Fallbeispiele

Das folgende Video ist im Rahmen eines offenen Musizierangebotes entstanden. Kinder und Jugendliche wurden spontan einladen, mit dieser App zu musizieren. Im Zeitraum von ca. drei Stunden fanden sich etwa zehn verschiedene Zweier- und Dreiergruppen. Das Video zeigt die ersten Minuten mit der App…

Deutlich wird, wie die App im Sinne eines Musizierpartners – im Fallbeispiel quasi als vierter Mitspieler im Ensemble – am musikalischen Prozess beteiligt ist. Von Interesse sind Fragen wie: Wie gestaltet sich Gemeinschaft im Musizieren mit Technologien? Auf welche Art und Weise und unter welchen Bedingungen wird mit einer App musiziert?

Deutlich wird zudem eine spezifische Körperlichkeit bei der Musikausübung mit der App. Darüber hinaus kann im Fallbeispiel beobachtet werden, wie das rein instrumentelle Verhältnis zum Werkzeug in eine interaktive Beziehung zwischen Maschine und Nutzer in Form einer Verteilung der Aktivitäten verwandelt. Avancierte Technik offenbart sich als pro aktive, kooperative Vermittler (vgl. Rammert 2016:34). Das führt über zu Fragen nach Handlungsträgerschaft und Autonomie.

Mehr dazu in folgenden Vorträgen und Veröffentlichungen.

Siehe auch: Krebs, Matthias (2019): Wenn die App zum Musizierpartner wird. Eine Annäherung an die Besonderheiten technologievermittelten Musizierens am Beispiel der Musikapp PlayGround. In: Gembris, Heiner / Menze, Jonas / Heye, Andreas (Hrsg.): Jugend musiziert – musikkulturelle Vielfalt im Diskurs. Schriften des Instituts für Begabungsforschung in der Musik (IBFM) Bd. 12. Münster: Lit.

ist wissenschaftlich als Leiter der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin tätig. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente (insb. Musikapps). Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, Appmusik, Grundlagenforschung zum Musizieren mit digitalen Musiktechnologien.

Als Lehrbeauftragter ist der Diplom-Musik- und Medienpädagoge an mehreren deutschen Musikhochschulen sowie als Dozent für Weiter- und Fortbildungen und auch bei den Appmusik-Workshops bei app2music aktiv. Zudem ist Matthias Krebs Musiker im professionellen Tablet-Orchester DigiEnsemble Berlin.


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