Künstlerischer Einzelunterricht mit ZOOM?

Matthias Krebs | 6. April 2020

Diskussionsbeitrag: Ausgelöst durch die vorübergehende Schließung von Musikschulen und Hochschulen sowie der Kontaktsperre zur Eindämmung des Coronavirus werden von vielen Gesangs- und Instrumentalpädagog*innen verstärkt Möglichkeiten erprobt, musikalische Unterrichtsangebote per Videochat zu realisieren. Das artikulierte Ziel der meisten dieser Bemühungen ist es, Schüler*innen und Studierende nicht allein zu lassen und ihnen musikalische Online-Angebote zu unterbreiten, um  auf diese Weise Musik zu vermitteln und einen sozialen Ankerpunkt zu stiften. Dabei wird schnell spürbar, wie sich der Unterricht durch die Integration der Technologien verändert – manches gelingt gar nicht, anderes gelingt besser.

Mit der Zeit gewöhnen wir uns an das Neue und entwickeln unsere ‚Techniken‘. Die gemeinsame Krise schweißt Kolleg*innen in regelmäßigen Online-Meetings zusammen. In Konsequenz treten nun immer mehr Fragen in den Vordergrund, die die Lehr-Lernprozesse unter den Bedingungen der räumlichen Distanz thematisieren. Aber nicht alle Kolleg*innen sind dabei (aus unterschiedlichen Gründen) und es gibt einige, die sich unter Druck gesetzt fühlen und den Kernbereich von Musikunterricht bedroht sehen…

Beitragsinhalte:

 

Interaktion vis-à-vis – vermittelt über das Internet – gemeinsam und doch nicht zusammen. Nach den ersten vier Wochen differenzieren sich nun die Gespräche zu dieser andersartigen Unterrichtsform immer mehr aus. Es werden Stimmen laut, die eine Verdrängung von Unterricht befürchten und bei Wiedereröffnung der öffentlichen Musikschulen ein Verbot anregen (siehe weiter unten). Auf der anderen Seite gibt es Äußerungen von Lehrkräften, die nach ihren ersten konkreten Versuchen Chancen sehen, ihr methodisches Repertoire zu erweitern.

  • Dieser Beitrag versteht sich als Diskussionsbeitrag und Orientierungshilfe sowie zum Austausch über die Weiterentwicklung von Onlineunterrichtsangeboten im Bereich künstlerischen Unterrichts.
  • Das Tragweite der neuen Entwicklungen ist groß und die Diskussion steht noch am Anfang. Gern können Sie sich daran unten in den Kommentaren beteiligen, Positionen deutlicher machen und Argumentieren. Auch Fragen und Empfehlungen zu Links zu weiteren Diskussionen sind stark erwünscht.

„Spiel-Technik aneignen“

Im Umgang mit neuer Technik entstehen häufig Unsicherheiten. Bei manchen äußert sich diese in Zurückhaltung und Bedenken, bei anderen in geduldiger Experimentierfreudigkeit. Häufig wird die Anforderung von besorgten Lehrkräften formuliert, dass Technik sicher funktionieren muss, bevor sie eingesetzt werden kann. Dabei vergessen wir manchmal, dass wir – um Sicherheit bei unserer instrumentalen Spieltechnik bemüht – lange üben und gleichzeitig das Ziel verfolgen individuelle Lösungen zu finden. Man könnte sagen, dass die intensive Auseinandersetzung mit den Techniken zur künstlerischen Beherrschung des Instruments zur Identität von vielen Lehrkräften gehört. Bei digitalen Technologien erwarten wir jedoch, dass sie sofort und einfach funktionieren und möglichst dasselbe als Stellvertreter tun, was andere Dinge, die gerade nicht zur Hand sind, tun.

In der Fachdiskussion unter Musikpädagog*innen entbrennen regelmäßig emotional geführte Diskussionen. Dabei werden einzelne Technologien (damit sind hier sowohl z.B. Notenbücher als auch Musikapps gemeint) gegeneinander ausgespielt und persönliche Erfahrungen als allgemein und endgültig herausgestellt.

Viele Schüler*innen und Studierende (und Eltern) scheinen aber zuerst einmal an Musik und weniger an Technologie interessiert:

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Online-Musikunterricht gegen soziale Isolation? „Musik steht hoch im Kurs!“ – das wird in dieser Zeit der Kontaktsperre zur Eindämmung des Coronavirus um so deutlicher. Lernende, die motiviert sind ein Musikinstrument zu erlernen, sind für alle lernförderlichen Methoden dankbar, die sie dabei unterstützen gemeinsam Musik zu machen. Eine normative Unterscheidung von richtigen und falschen Methoden, eine grundsätzliche Ablehnung (oder auch Hervorhebung) von einzelnen ‚Wegen zum Musizieren‘ hemmt Entwicklungspotenziale. So macht Corona darauf aufmerksam, dass situativ überprüft werden muss, welche Methoden passen. D.h. es muss stetig überprüft und im pädagogischen Diskurs reflektiert werden, wie Lernen gelingen kann. Gilt nicht Methodenvielfalt ohnehin als ein pädagogisches bzw. immanent musikpädagogisches Axiom?

Durch die Krise bestreiten einige Lehrkräfte neue Wege, denn ihren Unterricht können sie auf die gewohnte und erfolgreiche Weise nicht weiterführen. Dabei machen sie Entdeckungen:

„Lieber Paul, vielen Dank, ich werde Beides ändern […] Ganz schön schwer das Alles für schöngeistige ehemalige Technikverweigerer… aber gut, dass es diese Gruppe gibt.“ (Kommentar in FB-Gruppe)

„Bislang bin ich gegen die Digitalisierung des Musikunterrichts gewesen, so wie ich eigentlich immer gegen alles Neue in der Klassik bin. Aber nach dem ersten Tag Online-Unterricht bin ich glücklich“ (Professor Peter Kreutz)

Klicke auf’s Bild um es ganz zu sehen.

Klare Verhältnisse

Die Bundesgeschäftsstelle des Verband deutscher Musikschulen (VdM) hat am 1. April eine umfangreiche Mail an ihre Mitglieder versendet, in denen der Einsatz von Zoom unter bestimmten Bedingungen möglich ist. Auch Institutionen (wie z.B. die HfMDK Frankfurt am Main, Uni Köln) schaffen nach und nach klare Verhältnisse, um die Unsicherheiten zum Thema Datenschutz und zur Nachhaltigkeit (post-Corona) bei Lehrkräften zu nehmen: Sie erlauben/empfehlen die Verwendung von Zoom und bieten explizit Hilfestellungen zur Nutzung an.

Kommunikationssoftware wie Zoom sind aufgrund seiner Popularität anfällig für Hacker und es wurden bereits Schwachstellen gefunden. Verschiedene Expert*innen und die Presse berichten regelmäßig davon (z.B. hierhier und hier). Es wurden wohl auch kurzfristig Nachbesserungen vorgenommen und die Sicherheitsmaßnahmen verschärft (Expertenmeinung dazu, YouTuber-Meinung).

–> Aktuell: Saferinternet.at hat jüngst viele Punkte zum für und wieder zu Zoom zusammengefasst: Zoom oder nicht Zoom? <–

„Es kursieren da gerade viele sich widersprechende Informationen, das verunsichert gerade Einsteiger. Das Image von Zoom ist gerade nicht unbedingt optimal… obwohl ich sagen muss, dass es eine natürliche Reaktion ist, wenn man betrachtet, dass Zoom ein recht kleines Unternehmen war, welches nun Großkonzernen (Google, Microsoft und Facebook) Konkurrenz macht. Die Wettbewerbsmethoden zeigen sich nicht kleinlich… und Zoom aktuell nicht immer genügend gewappnet für eine gute Krisenkommunikation.“ (Meinung einer Dozentin der Wirtschaftskommunikation)

Die Empfehlungen der Bildungsinstitutionen auf Grundlage behördlichen Prüfungen und die damit verbundene Anschaffung von Lizenzen lässt sich nicht zuletzt als Maßnahme mit dem Ziel interpretieren, Ungewissheit von den Akteuren zu nehmen und Ressourcen bei den Lehrkräften frei zu machen, also die Kraft auf die Angebote mit den Schüler*innen und Studierende selbst und den Wissensaustausch zur konkreten Realisierung zu konzentrieren.

Das Präsidium kennt die aktuelle, datenschutzrechtliche und IT-sicherheitstechnische Kritik an der Software und nimmt diese ernst. Um jedoch handlungsfähig zu werden und Unterrichte qualitätsvoll anbieten zu können, haben wir in Absprache mit dem Datenschutzbeauftragten der Hochschule die Lizenzanschaffung beschlossen. Wir werden die Entwicklung von ZOOM beobachten. Eine Nutzung über das Experimentierjahr hinaus ist nur möglich, wenn zukünftig die Forderungen des Datenschutzes und der IT-Sicherheit erfüllt werden. Wir prüfen deshalb auch alternative Softwarelösungen. […] ZOOM soll als primäres Tool genutzt werden, „Jitsi“ steht für interne Nutzung nachrangig zur Verfügung. / Präsidium HfMDK Frankfurt

Solch ein pragmatisches Vorgehen findet sich an immer mehr Musikhochschulen und Musikschulen. Häufig sind an solchen Entscheidungen verschiedene Entscheidungsträger der Kommunen, Städte und Träger beteiligt. Dies kann zu unterschiedlichen Einschätzungen und Lösungsansätzen führen. Am wichtigsten ist wohl, dass diese Prozesse konstruktiv und transparent verlaufen.

–> Mehr zum Thema DSGVO und Datenschutz bei Zoom, Skype und Co hier…

Geht das nicht alles zu schnell? Warum gerade Zoom – warum nicht Skype oder Alternativen?

10 Tipps von Michelle Breedt / Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main

In einem Rundschreiben der HfMDK Frankfurt wurden zusätzlich zur Mitteilung der Entscheidung für das weitere Vorgehen auch nachvollziehbare Tipps zum Einsatz von Zoom geliefert:

#1 Es ist anders!
Deshalb nicht erwarten, dass es wie ein Präsenzunterricht sein wird.

#2 Flexibel bleiben! An feinsten Klangnuancen kann man nicht arbeiten, aber es geht mehr, als man denkt vor allem wenn sich Studierender und Lehrender aus dem Präsenzunterricht schon kennen. Bevorzugt an Technischem arbeiten, an Haltung, Körper, Spannung …

#3 PC oder Notebook nutzen! Studierender und Lehrender sollten PC oder Notebook nutzen. Tablets und Smartphones liefern oft schlechtere Ergebnisse.

#4 Geräte nah am Router! Die Geräte auf beiden Seiten sollten per Kabel/LAN direkt an den Internetrouter angeschlossen werden. Verbindungen über WLAN liefern oft schlechtere Ergebnisse.

#5 Hohes Datenvolumen erforderlich!
Auf beiden Seiten sollte eine hohes Datenvolumen für Down- und Upload zu Verfügung stehen. Besonders ein geringes Datenvolumen für den Upload kann zu Problemen führen.

#6 Ein externes Mikrophon … kann bei Instrumenten helfen, auch für eine verbesserte Sprachübermittelung (Headset), ist aber z.B. für Gesang nicht notwendig.

#7 Entfernung zum Mikrophon überprüfen! Mit der Entfernung zum Mikrophon experimentieren, um bestes Klangergebnis zu erzielen.

#8 Toneinstellungen in ZOOM optimieren! Die Toneinstellungen so lange verändern, bis bestes Klangergebnis gefunden. Siehe Videotutorial: ZOOM in Music Mode by Jim Daus Hjernøe

#9 Kommunikation … Langsam sprechen, nur abwechselnd, niemals gleichzeitig, Handsignale vereinbaren (z.B. Hand hoch für Stopp usw.), Sätze wiederholen, wenn es einen Übertragungsfehler gab.

#10 Alternativen nutzen! Wenn an einem Tag die Verbindung nicht so stabil ist, in ein anderes Medium (Telefon, Tutorialvideo, alternative Videochat-Software, Messenger etc.) wechseln. Oder wenigstens ein Gespräch führen, wenn dies nicht möglich ist.

Update:

Von vielen Musiker*innen eine geschätzte Funktion, die bisher allein der PC- & Mac-Version vorbehalten war, kommt nun auch mit dem neusten Update auf die Mobilgeräte…

Eine umfangreiche Zusammenstellung von nützlichen Zoom-Funktionen für den Online-Unterricht an Musikschulen und Musikhochschulen hat Pascal Hohn (Uni Köln) im folgenden Video zusammengefasst:

–> Eine breite Übersicht zum Thema „Gesangs- und Instrumentalunterricht per Videochat“, die sich aus Praxiserfahrungen von Lehrkräften speist und Links auf weiterführende Beiträge enthält finden sich hier: Stolpersteine, Unterrichtsempfehlungen, Hardware-Empfehlungen, DSGVO & Datenschutz, Videochat-Alternativen, Elternbriefe etc.

Gesangs- und Instrumentalunterricht über Skype und Co

Musikunterricht als Gegenpol

Vordergründig betonen viele Musiklehrkräfte bei Befragungen, dass eine gewisse Balance in der Nutzung digitaler Möglichkeiten und herkömmlichen Methoden im Unterricht vorherrschen solle. Betont wird, dass digitale Technologien Kernbereiche des Musikunterrichts bestenfalls nur unterstützen.

„Aber „hybrid“ als Begriff sollte zunächst definiert werden. Für mich bedeutet es „beides vermischt zu gleichen Teilen“. Dies sehe ich nicht so. Der Präsenzunterricht muss den Hauptteil bei einer sinnvollen musikalischen Bildung ausmachen. Der Begriff „digitale Ergänzung“ ist für mich wesentlich griffiger.“ (Kommentar)

Auch wird im Zusammenhang der Diskussion zum Einsatz von Videochat-Diensten für den Unterricht eine Zurückdrängung der sinnlichen Erfahrung und der emotionalen Verbindung diagnostiziert.

„Es bleibt das Problem mit den Latenzen. Außerdem ist es als Lehrer völlig unmöglich die Empfindungen des Schülers wirklich wahrzunehmen… ich will nicht sagen, dass derartiges unterrichten unseriös ist, aber es bleibt auf Dauer unprofessionell… Nur für kurzfristige Lösungen zu gebrauchen.“ (Facebook-Post)

Andere Lehrkräfte heben bestimmte digitale Unterrichtsmöglichkeiten hervor:

„Liebe Musik-Aktivisten. So langsam müßte es dämmern: Jeder Versuch, den direkten musikalischen Dialog durch Onlineformate zu ersetzen ist zum Scheitern verurteilt. Deshalb mein Vorschlag: Macht Videos, damit Ihr nicht in Vergessenheit geratet, aber widmet Eure Energie dem Tag 1 nach Corona.“ (Facebook-Post)

„Als Notlösung geht’s, aber nicht auf dauer.“ (Kommentar)

Darüber hinaus werden Stimmen laut, die einen anhaltenden Verlust befürchten und Präsenzunterricht eine übergeordnete Stellung einräumen:

„In den letzten Wochen gibt es für mich beängstigende Bestrebungen die „neu entdeckten“ Onlineangebote nachhaltig in öffentlichen Musikschulen zu etablieren.“

Chancengleichheit

Außerdem muss auch auf das Thema Chancengleichheit hingewiesen werden. Wie spontane Befragungen (hier) und Studien aufzeigen, profitieren längst nicht alle Schüler*innen und Studierende gleichermaßen von den digitalen Angeboten. So wird berichtet, dass in einigen Familien kein Laptop zur Verfügung steht oder sich die ganze Familie für Home-Office und Home-Schooling ein Gerät teilen muss. Da ist die Teilnahme oft auf Smartphones begrenzt. Zudem gibt es viele Orte, an denen die Verbindung zu schlecht ist, um etwa Videokonferenzen zu führen. Es gibt bei einigen Schüler*innen und Studierenden Bedenken, sich und ihre persönliche Umgebung in Videochats und Videoclips zu zeigen. Darüber hinaus werden die eigenen Fähigkeiten zum Erstellen von Screencasts, Podcasts, Videoclips als gering eingeschätzt.

Deutlich wird in den Bekundungen im Zusammenhang mit der Kontaktsperre zur Eindämmung des Coronavirus, dass Schüler*innen und Studierden der Kontakt zu Lehrkräften und Dozierenden wichtig ist, ihre Bereitschaft, sich mit digitalen Lehrformaten auseinanderzusetzen, gleichzeitig hoch ist.

Diese Punkte treffen wohl auch auf die Bedingungen bei Lehrkräften zu, von denen entsprechende Ressourcen und Kompetenzen zur Realisierung von Online-Angeboten teilweise vorausgesetzt werden.

Auch stellt der Gruppenunterricht in der Früherziehung und solcher mit jungen Schülern eine besondere, schwierig zu lösende Herausforderung dar. Vielerorts engagieren sich Eltern, denen die Situation bekannt ist und denken darüber nach, wie sie helfen können.

Wie wird sich Gesangs- und Instrumentalunterricht in Zukunft entwickeln?

Worauf ist zu achten? Was kommt zu kurz? Welche neuen Perspektiven werden eröffnet? Wie können Gesangs- und Instrumentalunterricht nachhaltig von den aktuellen Entwicklungen profitieren? Welche positiven und negativen Auswirkungen sind auf die Musikschulen selbst zu befürchten? Wie soll es weitergehen nach der Korona-Krise?

Diese Fragen sind schwer zu beantworten und lassen viele unterschiedliche Perspektiven zu. Hiermit will ich Akteure bitten ihre Gedanken, Erfahrungen und Argumente sowie Links zu anderen Beiträgen auf Webseiten oder Quellen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, in Form von Kommentaren einzubringen.

ist wissenschaftlich als Leiter der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin tätig. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente (insb. Musikapps). Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, Appmusik, Grundlagenforschung zum Musizieren mit digitalen Musiktechnologien.

Als Lehrbeauftragter ist der Diplom-Musik- und Medienpädagoge an mehreren deutschen Musikhochschulen sowie als Dozent für Weiter- und Fortbildungen und auch bei den Appmusik-Workshops bei app2music aktiv. Zudem ist Matthias Krebs Musiker im professionellen Tablet-Orchester DigiEnsemble Berlin.


9 Antworten zu “Künstlerischer Einzelunterricht mit ZOOM?”

  1. Tobias heinrich sagt:

    Hallo Matthias, herzlichen Dank für die Bereitstellung und Aktualisierung des Artikels. Es ist schon erstaunlich wie schnell manches in so einer Ausnahme Situation geht. Kolleginnen und Kollegen, die bis vor kurzem noch keine Eamil-Adr. hatten organisieren nun ihre SuS im online-Unterricht, man darf gespannt sein was davon bleibt, wenn wieder „normale“ Musikschulverhältnisse einkehren. Man hat nun neue Erfahrungen im Einzelunterricht, aber man merkt wie wertvoll die Ensemblearbeit, sei es Chor oder Orchester ist, die natürlich durch nichts 1:1 zu ersetzen ist. In diesem Sinne, weiterhin auf spannende (digitale?) Zeiten 😉

  2. Thomas Klecha-Fauré sagt:

    Hallo Matthias, wie immer ein wunderbarer Beitrag. Ich sehe das ähnlich wie Tobias Heinrich. Es ist erstaunlich, was alles plötzlich funktioniert hat oder funktionieren musste. Leider haben wir auch festgestellt, dass viele Kolleginnen und Kollegen „auf der Strecke“ geblieben sind. Das betrifft nicht nur ältere Kollegen*innen! Wir haben statistisch ausgewertet und festgestellt, dass natürlich auch die Verbindlichkeit nicht so groß ist, wie im persönlichen 1:1 Unterricht. Schulweit (rund 2.000 Schüler*innen) hat etwas die Hälfte freudestrahlend am Unterricht teilgenommen. Danach wurde es schon schwieriger 😉 Instrumentenspezifische Probleme (Multi-Cam z.B. beim Schlagzeug, Intonation bei Streichern) sind ein weiterer Punkt. Ensembleareit – Arbeit mit Kindern – viele weitere Steine im Weg. Ich freue mich – nach den akuten Problemen – in aller Ruhe das mal Revue passieren zu lassen und die „best practises“ in den Schulalltag zu übernehmen.

  3. Miriam sagt:

    Ich kann mich nur anschließen! Dem Dank und auch dem Inhalt.

    Wichtig finde ich, beim Online-Unterricht nachzubessern, denn jetzt war es ein „Sprung ins kalte Wasser“ ohne große Vorbereitung (Fortbildung des Kollegiums, Anschaffung von guter Technik usw. war vorher nicht möglich). Vieles ist aktuell mit „der heißen Nadel gestrickt“, deshalb muss nun meiner Meinung nach optimiert werden. Sowohl Technik (z.B. Nachschulung des Kollegiums, Anschaffung von Mikros, Interfaces… – ja, da heißt es Geld beschaffen, ich weiß) als auch Methoden (wie können wir auch Gruppenunterrichte online gestalten, z.B. mit „Break-Out-Rooms“ in einer Videokonferenz, z.B. mit anderen Inhalten wie Gehörbildung, Songwriting, Rhythmus…) als auch rechtliche Fragen, denn aktuell befindet sich vieles in der Grauzone (z.B. Datenschutz bei tools für Videokonferenzen). Anders wäre ein schneller Reagieren aber nicht möglich gewesen, so dass dies für eine Übergangszeit akzeptabel ist, aber natürlich nicht so bleiben darf. Bei diesem schnellen Reagieren spreche ich allen Kollegen*innen meinen Dank und meinen Respekt aus – es war und ist für alle eine große Herausforderung.

    Fatal fände ich persönlich, nach der Corona-Krise sich des neu dazu gewonnenen Online-Unterrichtes zu entledigen und ihn nur als Notlösung zu verpönen. Ja, Präsenzunterricht ist immer das Mittel der 1. Wahl, absolut! Man kann sich besser sehen, hören, reagieren. Aber es gibt nicht nur ganz oder gar nicht und schwarz oder weiß – dazwischen gibt es noch ganz viel andere Facetten. Und dazwischen sehe ich Präsenzunterricht plus Online-Unterricht – beides, kein entweder oder. Auch kein festes 50/50 Modell (ein hybrides Auto fährt auch nicht Hälfte Sprit, Hälfte Strom…) – auch hier müssen wir individuell reagieren, was für den Schüler*in und den/die Lehrer*in passt.

    Und auch die Vorteile nicht vergessen, die es trotz allen Schwierigkeiten (die ich nicht leugne und auch erlebt habe – und ich sehne mich nach einer „echten“ Chorprobe!) gibt: Die Schüler*innen lernen mehr Selbständigkeit (z.B.: der/die Lehrer*in zeigt nicht direkt auf die Stelle im Stück, der/die Schüler*in lernt was „3. Zeile, 2. Takt“ heißt, z.B. der/die Schüler*in lernt besser das Stimmen des Instrumentes usw.), die Eltern lernen mehr Wertschätzung für den Instrumental- und Vokaluntericht, Lehrer*innen lernen ihre Schüler*innen und deren Umstände ganz neu kennen und entwickeln mehr Verständnis (verstimmtes Klavier, ungeeigneter Hocker…), alle beschäftigen sich neu mit Technik (lebenslanges Lernen :-).

    Ich persönlich sehe nicht die Gefahr, dass wir uns durch Online-Unterricht abschaffen. Jede*r merkt, dass dieser seine Grenzen hat! Ich glaube nicht, dass nach der Corona-Krise plötzlich alle auf Online-Unterricht umsteigen möchten – wenn dies so wäre, hätten wir vorher keine gute Arbeit geleistet.
    Ich bin der festen Überzeugung, dass alle – Leherer*innen wie Schüler*innen – sich wieder auf den Präsenzunterricht freuen. Ja, Ausnahmen gibt es immer, aber ich glaube, dass es Ausnahmen bleiben werden. Und dass man die neuen Chancen nutzen und vor allem üben sollte. Denn hier ist es wie beim Instrument: Nur mal ab und zu spielen bringt nicht wirklich viel. Also sollten wir auch bei Online-tools, bei Apps, bei Software… spielfreudiger werden. Ich persönlich denke, dass die aktuelle Situation bzw. Teile davon länger andauern könnten und wir uns darauf gedanklich und praktisch einstellen sollten. Wenn dem nicht so ist, freue ich mich sehr, mich geirrt zu haben!

    Es liegt viel Arbeit hinter uns, aber auch noch viel Arbeit vor uns! Aber auch viele neue Chancen! Lasst sie uns gemeinsam, miteinander vernetzt nutzen!

  4. Christian Wolf sagt:

    Guten Tag,

    Eine gute Dokumentation der Ereignisse! Vielen Dank dafür…
    In jedem Falle bietet die derzeitige Situation eine Chance für eine sinnvolle Digitalplanung. Wichtig wäre mir persönlich hierbei zu einer gemeinsamen Sprache (Begriffe, Bezeichnungen und Definitionen) zu finden mit der Idee Musikschule immer „vom Schüler aus“ zu denken.
    Ein Austausch der verschiedenen Meinungen und Erfahrungen in Form eines musikpädagogischen Digitalgipfels oder Ähnlichem würde vielleicht helfen…

  5. Liebe Mitstreiter*innen,
    ich möchte mich auch erstmal bei Matthias Krebs und seinem Team für die Aufarbeitungen und Hintergrundinfos bedanken, von denen wir sehr profitieren in dieser Krise und die uns hier und da die Arbeit abnehmen, selbst in alle Richtungen den Überblick zu behalten.

    Die hier gestartete Diskussion führen wir hausintern schon seit einigen Jahren. Bei vielen Kolleg*innen schwingt die Angst mit, durch technische Innovationen „ersetzt“ zu werden bzw. Gefahr zu laufen, dass neue Technologien die eigene Profession im Wert senken.
    Online-Unterricht ist, genau wie direkter 1:1 Präsenzunterricht nicht per se gut oder schlecht. Beides bietet Chancen aber eben auch Fallstricke. Ja, ich bin, gerade als klassischer Schlagzeuger der Meinung, dass Musik eine sinnliche Erfahrung ist. Ein Instrument, das einen ganzen Raum zum Schwingen bringt, ist etwas wunderbares. Bei aller Technikaffinität ist das nichts, was auch der beste Surroundsound (für mich) ersetzen kann. Dennoch wehre ich mich dagegen jetzt schon zu sagen, dass der Online-Unterricht eine „Krücke“ für Notzeiten ist, die nach Ende der Krise dringend wieder verschwinden muss.

    Besonders öffentliche Musikschulen sind mitunter recht sperrig für die Kundschaft was Information, die (digitale) Erreichbarkeit, die Buchung von Leistungen oder das „Erforschen“ angeht. Da gibt es Entgeltordnungen, Satzungen, Erklärungen, feste Unterrichtszeiten… Der Online-Unterricht kann unseren Service, den wir als Musikschulen (oder Musikpädagog*innen) an die Kundschaft verkaufen, sehr verbessern. Online-Unterricht als Ergänzung kann gut eingesetzt werden. Ja, auch zu der eigentlichen Unterrichtszeit, wenn der/die Schüler*in es nicht anders schafft als eben online – eine heilige Kuh, ich weiß. Wenn jemand ausschließlich online unterrichtetet werden will (!) warum sollte man dies nicht ermöglichen wollen, wenn es pädagogisch Sinn macht? Von einem zum anderen Präsenzunterricht entsteht eine pädagogische Lücke, die man gut digital füllen kann. Komposition, Theorie, Gehörbildung… die konservativsten Fächer (oftmals) an Musikschulen können durch digitale Technologien zu noch mehr Leben erweckt werden. Websites können mit viel Hintergrundmaterial und selbst produzierten Clips endlich nicht nur schön aussehen, sondern auch klingen und so helfen, dass die Kundschaft Instrumente kennenlernt, die sie sonst vielleicht nicht kennengelernt hätte.
    Der Online-Unterricht als Möglichkeit, am besten DSGVO-konform integriert in ein schlüssiges, digitales Gesamtkonzept was die Kommunikation mit der Kundschaft angeht, ist für mich da eine Wunschvorstellung. Eine Ausgangsplattform – viele Vernetzungen.

    Ohne Investitionen wird es nicht gehen. Es verwundert schon manches Mal beim Blick in ein Musikschulsekretariat, wenn Mitarbeiter*innen mit alter Hardware und Verwaltungsprogrammen aus MS-DOS Basis die Schuldatenbank pflegen, während zeitgleich das für 7.000 Euro angeschaffte Cello für 8 Euro im Monat an den Schüler mit iPhone 11 auf der anderen Seite des Tresens, verliehen wird. Selbstverständlich wird man nicht das gesamte Kollegium über Nacht mit den neusten Geräten ausstatten können, aber unmöglich ist es nicht. Die Investition lohnt sich. Musikschulen wie Malchin machen es vor.

    Wir müssen alle besser werden, was das Wissen um digitale Möglichkeiten angeht. Häufig fehlt für seit Jahren gängigen Verfahren, elementares Knowhow. Die Kollegien müssen geschult werden. In anderen Arbeitsbereichen mussten sich Menschen auch auf veränderte Realitäten einstellen. Die Zeit jetzt hat gezeigt, wie schnell wir in der Lage sind Rückstände aufzuholen. Hier gilt es für mein Verständnis unbedingt (!) dranzubleiben und Bedenken über Bord zu werfen. Wie oft sind wir es, denen mit Bedenken seitens der Stakeholder begegnet wird. Wir haben (gerade als Leitungen) gelernt, dass Bedenken immer auch Kompetenz (vermeidlich) ausstrahlen. Nur sind wir jetzt in der Position zu handeln und dafür stehen derzeit mehr Möglichkeiten offen und mehr Dogmen sind ins Wanken gekommen, als es wohl je zuvor der Fall war. Ich meine, dass wir das nutzen sollten.

    Die Angst, dass wir uns damit selbst abschaffen, teile ich wie Miriam Köpke ebenfalls nicht. Ich bin der Überzeugung, dass wir mitgehen müssen! Die Werte von Präsenzunterricht will wohl niemand „opfern“ auch müssen sie nicht zwangsläufig digital „ergänzt“ werden. Das kann Sinn machen – ja – manches Neue, Spannende, Faszinierende, funktioniert ja vielleicht auch nur digital. Die Palette wird größer und wir vielleicht ja sogar interessanter. Mit einer dazu passenden effektiven und smarten Administration, kann das gut funktionieren. Ja, wir haben eine Schatztruhe mit Werten wie Zwischenmenschlichkeit, sensorische Sensibilität, Haptik eines schwingenden Instruments und der Kraft des gemeinsamen Musizierens alle im Angebot – doch auf diesen Schatz werden wir über digitale Wege konsequenter hinweisen müssen. Wenn wir das tun und selbst gute Arbeit leisten, dann muss uns auch vor der Zukunft nicht bange sein. Angst ist nie eine gute Ratgeberin gewesen.

  6. Walter Grund sagt:

    Nach 90h online-Unterricht in Form von Skype ziehe ich ein erstes Fazit:
    Da ich zur Risikogruppe gehöre, wird mein Unterricht sehr wahrscheinlich länger online laufen müssen, als bei anderen Kollegen. Aus diesem Grund ist diese Unterrichtsart für mich im wahrsten Sinne des Wortes „überlebenswichtig“, sowohl gesundheitlich als auch finanziell. Für Risikogruppen ist m.M. diese Form des Unterrichts auch längerfristig wichtig. Ich rechne über den Zeitraum bis ca. 8 Monaten

    Beinahe 100% meiner Schüler haben mein Online-Angebot wahrgenommen. Es gab einige Aha-Erlebnisse mit Schülern, die angefangen haben mehr zu üben und zu Playbacks zu spielen. Die häuslichen Übe-Vorraussetzungen konnten eingesehen werden und Hinweise auf fehlende Notenständer, Spielhilfen oder ein verstimmtes Klavier wären anders nicht möglich gewesen.

    Ich denke, dass durch die Corona-Erfahrung auch über die Krise hinaus sich der Online-Unterricht etablieren, aber dennoch die traditionelle Form beibehalten wird. Schwierig ist vor allem bei neuen Schülern; wenn hier der Erstkontakt online stattfinden soll, wurde bisher zumindest mein Angebot noch nicht wahrgenommen. Das mag sich aber in den nächsten Monaten noch ändern.

    Lehrer wie Schüler werden immer professioneller mit dem Umgang von Kamera und Unterrichtsumgebung. Besonders bei Teenagern funktioniert das hervorragend, sie kommen von selbst auf Problemlösungen, davon profitiere ich selbst auch. Schwieriger ist es bei Schülern mit schlechter Internetverbindung. Hier muss man flexibel reagieren und auch mal den Ton vom Festnetztelefon parallel verwenden. Lehrer, die technisch wenig versiert sind, haben es dabei schwer. Multitasking-Fähigkeiten sind hier extrem gefragt.

    Von Kollegen höre ich, dass sie mit dem digitalen Unterricht nicht klarkommen, manchem klingeln die Ohren nach 60min. Ich habe auch bei mir festgestellt, dass der Online-Unterricht EXTREM anstrengend war in den ersten 2 Wochen. Dafür mache ich diese Faktoren verantwortlich:
    – Die schlechte Tonqualität
    – das ständig notwendiges Verbalisieren
    – Ins-Wort-Fallen und Wiederholen des Gesagten durch die Latenz (Verzögerung)
    – zu kurze Pause zwischen den Schülern (ich habe sofort nach Beenden des einen Anrufes den nächsten Schüler angewählt)
    Dazu kam die nervliche Anspannung der Krise, Existenz- und Zukunftsängste und offene Gesundheitsfragen

    Meine wichtigsten Tipps/Hilfen, die ich für mich umgesetzt habe:
    – Verwenden von Kopfhörern, dadurch wird die Klangqualität verbessert und ich verstehe Gesagtes Besser
    – bewusster und mehr mit Gesten arbeiten (Daumen hoch etc.)
    – Geduld
    – bewusst Pausen einplanen zwischen den Schülern mit dem Wissen um die Mehrbelastung durch Online-Unterricht

    Wie in vielen Bereichen, hat die Krise auch etwas Positives. Wir erkennen die Grenzen des Online-Unterrichts und der Datenverbindungen. Die Zukunft gehört aber der Digitalisierung und zumindest ergänzenden Angeboten, die digitale Angebote und Techniken einbinden. Nicht alle Lehrer und auch nicht jeder Schüler kommt damit auf Anhieb klar. Interessant waren für mich aber Erfahrungen mit verhaltensauffälligen Schülern, die im Online-Unterricht wesentlich aufmerksamer waren.
    Für die Zukunft sehe ich auch für diese Schüler eine Kombination aus traditionellem und digitalem Unterricht als sinnvoll an! Darüber werde ich mich mit den Schülern und Eltern zusammen beraten.

    Walter Grund

  7. Uli Windbergs sagt:

    Natürlich werden die Bedingungen online zu unterrichten bald optimiert sein.(Stichwort Latenzzeit, synchrones spielen) aber dies als „Monstranz“ hochzuhalten find ich schwierig. Notlösung als Unterrichtvariante für Coronazeiten : JA !!, ( ist aber nicht bei jedem Unterricht gut möglich ) Alternative zum proben : eventuell , Es bleibt trotzdem hinter einer echten , analogen Situation zurück.

    Warum :
    Nicht nur , dass die sinnliche Wahrnehmung verkümmert: Der Raum in dem man sich trifft, die Aura, der Geruch, das Licht, etc. ist nicht zu unterschätzen und bringt erst zusammen mit der spieltechnischen Erklärung die inspirierende Kraft.
    (übrigens unterrichte ich einige Jugendliche und die sind zu 90% froh einen Termin außer Haus zu haben)
    Und wie ist es mit Gesang : Voice coaching ? Wie gut soll das Mikro ( Neumann, Shure) und die Abhörmonitore sein, dass man nuanciert sich zusammen Stücke „erarbeitet“ und am passenden Timbre „feilt“
    Und was mach ich Chorleiter div Chöre ? – ich hab es schon ausprobiert – hier bräuchte es deutlich verbesserte digitale Angebote und auch hier bliebe es ein Hardware Problem jedes einzelnen Chormitgliedes.
    ( ich will jetzt gar nicht von Gruppendynamik und Freude bei der wöchentlichen Begegnung und auch da mit allen Sinnen) sprechen.

    Wenn Online Unterricht verstärkt nachgefragt wird, werde ich es alternativ anbieten „müssen“ – wenn ich wählen darf :
    bleibt es offline

  8. Sebastian Chica sagt:

    Lieber Matthias,
    vielen dank für den interessanten Beitrag.

    Ich finde es auf jeden Fall sehr spannend zu sehen was für neue Möglichkeiten durch Onlineunterricht im pädagogischen Bereich zur Verfügung stehen und wie unterschiedlich wir Beteiligten (Lehrende, Lernende, Eltern und Institutionen) mit diesen umgehen.

    Hier ein paar paar Gedanken auf Grundlage meiner Erfahrungen in diesen Zeiten von Corona zur Diskussion:

    1. Technik nutzen, heißt Technik lernen. Ich stelle immer wieder fest, dass viele Menschen das erlernen von technische Sachen als belastend empfinden. Für vielen MUSS Technik selbsterklärend sein. Diese muss uns effizienter und kreativer zu arbeiten helfen. So bewerben auch Hersteller und Software-Entwickler ihre Produkte. Deshalb finde ich, dass viele Hindernisse mit der Technik auch eine Frage der Rezeption sind. In meiner kurzen Erfahrung als “Digitalpädagoge” erlebe ich häufig, dass etwas Technisches zu verstehen und beherrschen sehr viel Freude bereitet (ähnlich wie bei Instrumenten lernen der Fall ist). Das ist einfach eine positive Eigenschaft jedes Lernprozesses. Meiner Meinung nach, sollten wir uns bemühen unseren SuS und Kollegen dieses positiven Aspekt zu vermitteln und in unserem Unterrichtskonzept (kurz und langfristig) zu integrieren.

    2. Voraussetzung ist die Bereitschaft zu haben sich mit Neuem zu beschäftigen. Wer nichts lernen will, kann auch nichts lernen (zumindest nicht nachhaltig). Und damit meine ich besonders uns Lehrkräfte was das Thema Technik angeht.

    3. In der ganze Diskussion fehlt eine klare Differenzierung zwischen dem Privatunterricht und dem Unterricht an (öffentlichen)Musikschulen. Zum einen, weil die Arbeit an der Musikschule von behördlichen Instanzen bestimmt wird. Für die Suche nach Lösungsansätze kann dies für Lehrkräfte sehr einschränkend sein, weil viele mögliche Lösungen auf Grund von Datenschutz oder vertraglichen Vereinbarungen außen bleiben (müssen). Zum anderen überträgt sich dies auf dem Bereich der technischen Ausstattung. Einschulung des Kollegiums und Anschaffungen von Seite der Musikschule sind absolut sinnvoll, führen und zielen aber dazu zu eine Standardisierung der Ressourcen. Als Privatlehrer trage ich alleine hohe Kosten für die notwendige Anschaffungen, kann aber dafür selbständig bestimmt wie viel ich für meine Arbeit benötige und habe absolute Freiheit im Punkt Einzelvereinbarungen mit den Schülern. Das ist ein wichtiger Aspekt, weil damit ich mein eigenes Tempo an Innovation (wie viel ich ausprobieren darf?, welche Mitteln/Apps ich verwende?, welche Geräte ich benutze?) im mein Unterricht bestimmen kann. Langfristig kann dies dazu führen, dass Musikschule eine deutlich längere Zeit brauchen und diese Digitale Ressourcen in ihrem Alltag zu integrieren.

    4. High-Tech vs. Otto-Verbraucher: Viele Lehrkräfte kämpfen nicht nur mit dem Druck diese neue Wege zu gehen und die hohe Erwartungen von Seite von Schulleitung und Kollegium, sondern auch mit den eigenen Ansprüche. Als Instrumentallehrer möchte man im besten Fall, die bestmögliche Unterricht anbieten zu können. In der neuen Situation hängt diese Qualität auch von der technische Ausstattung. Deshalb denken viele Kollegen, dass sie diese Qualität durch teuere technische Anschaffungen kompensieren können oder sollen. Entscheidend ist: kann ich VIEL mit WENIG?. Meiner Meinung nach, JA! Vorausgesetzt, die Internetverbindung ist gut, reichen Laptop/Tablet und Telefon um einen Unterricht online zu Gestalten. Selbstverständlich nach Oben ist alles möglich, wie der Beispiel hier:

    https://youtu.be/MSdiBVFGXQ8

    Ich möchte an diese Stelle meine KollegInnen Mut machen verschiedene preisgünstige Variante auszuprobieren. Zum Thema findet man unzählige Einleitungen im Netz.

    5. Der Onlineunterricht verlangt, dass wir unsere Werte neu- bzw. umdenken. Präsenzunterricht ist nicht eins zu eins zu ersetzen. Für uns Pädagogen ist wichtig uns die Frage stellen: Was kann ich auf diesem Weg gut vermitteln?, was bleibt auf die Strecke?, was geht verloren?. Ich kann bestimmt Fehlhaltungen, Fingersätze, Phrasierung oder Artikulation vermitteln aber Klangentfaltung, Dynamik und akustische Wahrnehmung wahrscheinlich nicht. Die Antworten auf diesen Fragen werden bestimmt von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich sein, weil es von den eigenen Fähigkeiten, dem Instrument und den Inhalten abhängig ist. Das auf Papier zu bringen kann Einem Klarheit geben von was man damit Zielen kann und will.

    6. Anders lernen. Anders unterrichten. Ich beobachtete in den vergangenen Wochen, dass diese neue Lernformen erfordern von den SuS ihre Ziele klarer zu formulieren. Weil der Rahmen knapper ist, müssen die Schüler bei der Erstellung eines kurzes Video sich verschiedene Fragen stellen: was will ich meinem Lehrer zeigen?, welche Stelle ist wichtig?,welche Parameter ist hier Relevant (Dynamik, Tempo, Fingersatz, Charakter, usw.? Für uns Instrumentalpädagogen heißt auch knapper Rückmeldung geben, konkrete Aufgaben geben. Klare Ziele aufzeigen. Ja, das gehört auch zum Präsenzunterricht aber es rückt hier bewusster im Fokus, weil sonst die Effizienz diese Art von Arbeit sehr stark darunter leidet und dadurch uns hoch belasten kann.

    7. Auch, wenn Datenschutz nicht immer Konform, fand ich sehr hilfreich und Interessant die Umgebung in dem meine SuS üben. Bei den meisten Fällen, fand ich nicht besonders erfreuliche Überraschungen wie kleines Keyboard oder im Stehen spielen, oder falschen Hocker und und und.

    8. Es verlangt ein anderen körperliche,-geistlichen Einsatz. Am Ende eines Unterrichtstag waren meine Augen völlig übermüdet, meine Ohren wegen den Kopfhörer fühlten sich bedruckt, meine Unterdrücke und Nacken ließen sich auf Grund von fälschliche Haltungen merken und meine Stimme wegen des konstanten Wiederholen der Aufgaben wurde heiser. Das bedeutet Pausen einbauen. Bewegung zwischendurch nicht vergessen. Viel Trinken. Frische Luft schnappen. Onlineunterricht ist in diesem Fall reine Büroarbeit, weil es vor dem Rechner stattfindet. Arbeitsgesundheit ist hier ein wichtiges Thema, dass wir mehr Aufmerksamkeit geben sollen, insbesondere, wenn die Situation über mehrere Monate sich nicht ändert sollte

    9. Da SuS an sich eine Heterogene Zielgruppe ist, gilt auch hier hinterfragen, welche digitale Lösung für wen geeignet ist. Viele SuS bevorzugen die Aufnahme von wöchentliche Videos, andere Onlinekonferenz, andere wollen das gar nicht. Für viele Lehrer bedeutet es eine Vermehrung der Arbeitsweisen. Also deutlich mehr Belastung. Deshalb ist wichtig festzulegen, welche Art von Unterricht für welche SuS gut ist. Und welche Art von Unterricht kann man sich leisten.

    10. Präsenzunterricht lebt von den persönlichen Kontakt. Körpersprache, akustische Wahrnehmung, Gerüche, Instrument und manchmal sogar Stille gehören zu ihre wertvolle Qualitäten. Vieles im Unterricht “Nichtgesagte” hat öfter große psychologische Einwirkungen. Meine Erfahrung nach ist auch extrem wichtig die emotionale Verbindung zu der Lehrer oder die Lehrerin. Das bleibt momentan auf die Strecke und garantiert, dass Menschen die Wert auf diese Sachen legen weiterhin den persönlichen Kontakt bevorzugen werden.

    11. Im besten Fall sollten wir uns bemühen das Erlernte in Zeiten von Corona nachhaltig in unserem Unterricht einzubeziehen. Ergänzen statt ersetzen (wobei Präsenzunterricht ja gar nicht zu ersetzen ist! wozu das dann hervorheben). Unsere Aufgeschlossenheit gegenüber die technische Möglichkeiten kann unsere Arbeit interessanter und vielfältiger machen.

  9. sebastianchica sagt:

    Hallo in die Runde,
    ich habe 2 Tutorial in denen ich erkläre wie man bei ZOOM den Originalton einschaltet und die Funktion des Whiteboards vorstelle.

    Auf Kommentare und Feedback auf Youtube und bei diesem Beitrag würde ich mich freuen. Ich hoffe einige von euch profitieren davon.

    Originalton:
    https://youtu.be/HVtCGm9SPNI

    Whiteboard
    https://youtu.be/eYzDRhQIDvs

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