Bibliothek digital – Musizieren mit Apps in der Musikbibliothek

Matthias Krebs | 13. Mai 2017

„Das Internet macht Bibliotheken zu Aufwärmstuben“ – so die Prognose von manchem Tech-Experten Anfang des Jahrtausends. Nein, die Bibliothek ist heute als Ort nicht tot, nicht einmal altmodisch. Gleichwohl ist der Wandel durch die Digitalisierung gigantisch. Seit 2005 wird in deutschen Bibliotheken kooperativ alles, was digitalisiert werden kann, digitalisiert (vgl. Gantert 2016: 418). Das gilt auch für das Angebot von Musikbibliotheken. Dabei geht es nicht nur um die Umwandlung in digitale Datenformate. Auch neue Angebotsformate im Bereich der Kulturellen Bildung werden erprobt. Ausgehend von einer Initiative der Leiterin der Musikbibliothek der Berliner Amerika-Gedenkbibliothek dürfen wir Mitarbeiter_innen der Forschungsstelle Appmusik (Institut für digitale Musiktechnologien in Forschung und Praxis)  diesen Prozess begleiten. Unter der Leitung von Matthias Krebs wurde eine Workshopreihe zum Thema Musik und Apps konzipiert, die im Mai in die erste Runde startet.

Workshops zum Mitmachen der Amerika Gedenkbibliothek: Ein Angebot für Bibliotheksnutzer_innen, bei dem sich das Medien-Angebot der AGB-Musikabteilung mit den Möglichkeiten der mobilen Apps konstruktiv ergänzen.

Alle Kulturbereiche stehen vor den Herausforderungen des digitalen Wandels – auch Bibliotheken. Dabei verfolgen europäische Bibliotheken (Initiative „i2010“) seit Jahren mit einer digitalen Agenda den Grundgedanken von Open Access und streben im Rahmen der urheberrechtlichen Möglichkeiten den „freien Zugang zu den digitalisierten Objekten, deren Einbindung in innovative wissenschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Kontexte sowie die Gewinnung neuer, nicht mehr buchaffiner Nutzergruppen an“ (Deutsche Nationalbibliothek).

Gleichzeitig ist es angesichts der fortschreitenden Digitalisierung absehbar, dass nicht digitalisierte Materialien zunehmend aus der Wahrnehmung der Benutzer_innen ausgeblendet werden, die verständlicherweise die ubiquitäre Verfügbarkeit und die bessere Verarbeitungsfähigkeit digitaler Versionen analoger Objekte im Internet schätzen. Öffentliche Bibliotheken investieren in die Digitalisierung. Allen Bürger_innen soll der Zugang zu Kultur- und Wissenschaftsinformation offen stehen: In digitaler Form können Objekte von Millionen Menschen genutzt werden, denen die Originale nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. Das heißt in der Konsequenz, es muss bald niemand mehr eine Bibliothek aufsuchen, wenn Bücher, Filme, Musik und Kunst als Digitalisate im Netz verfügbar sind? Aber gerade an den großen Bibliotheken zeigt sich das Zwitterwesen unserer gegenwärtigen Wissenskultur: Denn zu beobachten ist gleichzeitig ein stetiges Wachstum der Besucherzahlen in ihren – analogen – Lesesälen.

Musikbibliothek 2.0: „Die AGB ist eine Bildungseinrichtung, die analog fundiert ist und ins Digitale hineinragt.“

Die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Berlin war in den 50er Jahren die modernste Bibliothek Europas. Dazu gehörte, dass Nutzer_innen selbst an die Regale konnten. Die Auswahl im Freihandbereich der Musikbibliothek ist seit der Fusion mit der Berliner Stadtbibliothek zur Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) noch einmal erweitert werden. In den Regalen und Magazinen finden sich insgesamt 95.000 Noten, Musikbücher sowie 58.000 CDs, 73.000 LPs und 5.000 Musik-DVDs und Bluray-Discs.

Für Musikbibliotheken kommt die Digitalisierung von Noten und Tonträgern aus urheberrechtlichen Gründen nur in Bezug auf alte Handschriften oder historische Tonträger in Frage. Hinsichtlich aktueller Musikveröffentlichungen gibt es zusätzlich Musikstreamingportale, für die Bibliotheken Lizenzen erwerben können. Alle Mitglieder der im Verbund Öffentlicher Bibliotheken Berlins (VÖBB) organisierten Berliner Bibliotheken stellen ihren Nutzer_innen die Streamingportale Naxos Music Library und Freegal bereit. Damit wird mit dem Bibliotheksausweis von zu Hause oder unterwegs der Zugriff auf eine Zahl von mehreren Millionen Titeln und klassischen Musikstücken möglich.

Verweis auf die digitalen Angebote des Verbunds Öffentlicher Bibliotheken Berlins und der ZLB.

Die leichte Verfügbarkeit ist aber nur das eine. Die andere Frage ist, was man mit den vielen verfügbaren Noten, Musikaufnahmen, Büchern, Songbooks, Instrumentalschulen, Konzertmitschnitten, Musiksendungen, Tutorialvideos etc. dann anstellt. Daten-Verarbeitung eben: Es muss ja immer noch musiziert, gelesen, verstanden, genossen, nachgedacht und auch kreativ mit den Materialien umgegangen werden, und dafür bieten digitale Technologien ein breites Handwerkszeug. Und dabei ändern sich Methoden, Wahrnehmungen, Arbeitsweisen radikal.

Neue Workshop-Reihe: Gemeinsam Musizieren in der Musikbibliothek

Bibliotheken verstehen sich als Vermittler im Umgang mit digitalen Medien und Technologien. Zur Unterstützung dieser Rolle ermöglichte der Berliner Senat den Berliner bezirklichen Bibliotheken und der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) die Anschaffung von zeitgemäßer Hardware. So werden die aus diesen Sondermitteln beschafften iPads für Bibliotheksführungen genutzt. Auf Initiative von Frau Hein, der Leiterin der Musikbibliothek der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, wurde in einigen Treffen von Mitarbeitern der AGB und der Forschungsstelle Appmusik sowie Musikern des app2music e.V. ein spezifisches Angebot konzipiert.

Ziel ist es ein Angebot zu schaffen, in dem das Medienangebot der Musikbibliothek im Gebäude der AGB mit den Möglichkeiten der mobilen Apps auf den Smartphones und Tablets der Bibliotheksnutzer_innen sich konstruktiv ergänzen können. Die AGB hat einen großen Bestand an Noten, Sachbüchern, Songbooks und Nachschlagewerken sowie viele Musikaufnahmen an einem Ort. Vision ist es, mit dem neuen Workshopangebot dieses frei zugängliche Archiv den Nutzer_innen noch näher zu bringen. Dafür können die mobilen Smarttechnologien eine Brücke bilden.

Zielgruppe sind Bibliotheksbesucher_innen, die sich für verschiedene musikalische Möglichkeiten im Zusammenhang mit Apps interessieren. Das können Hobbymusiker_innen, die ein herkömmliches Instrument spielen oder im Chor singen, aber auch Berufsmusiker_innen sein. Sie können von der Verwendung von Musikapps profitieren, die sie bei ihrer Arbeit unterstützen. Damit richtet sich das Angebot eher an Erwachsene im Alter von 16-99 Jahren.

Im Folgenden seien die ersten zwei Angebote kurz vorgestellt:

MUSIKPRODUKTION UND MUSIZIEREN MIT APPS

Der Ankündigungstext:

Wollen Sie mit anderen Musizieren? Wollen Sie komponieren? Oder neue Möglichkeiten zum Musikmachen ausprobieren? Unter der Workshopleitung erfahrener Musiker stellen wir Ihnen verschiedene Möglichkeiten vor, wie Sie mit Musikapps auf Smartphones und Tablets musikalisch umgehen können. Dabei können Sie auch auf die Noten und CDs der ZLB zurückgreifen.

Die Teilnehmer_innen erhalten für den Workshop ein iPad mit verschiedenen Apps zur Auswahl, die zunächst selbstständig erarbeitet werden können. Im nächsten Schritt entstehen Kompositionen, die dann per Mail oder SoundCloud verschickt und zu Hause angehört oder weiterverwendet werden können.

Workshopleiter: Jürgen Grohs

– Zielgruppe: Einsteiger_innen und Profis ab 16 Jahren

Zur Anmeldung für den 18. Mai – 18-19 Uhr: Link

Zur Anmeldung für den 20. Mai – 15-16 Uhr: Link

 

NOTEN BESSER NUTZEN MIT MUSIK-APPS

Der Ankündigungstext:

Noten können einem ganz schön zur Last werden. Am Anfang muss man Noten lesen lernen und später wird es schwer, die eigenen Noten zusammenzuhalten. Viele Musiker_innen und sogar einige Orchester haben bereits komplett von Papier auf Tablet umgestellt. Mit dem Einsatz von Apps auf Tablets geht dies besonders leicht und effektiv!

Inhalt dieses Workshops ist die Vermittlung von Strategien zur Verwendung von Tablets für den Umgang mit verschiedenen Musiknotationen. Dazu existiert eine Reihe von Apps, die sowohl das Erlernen als auch das Organisieren von Noten wesentlich erleichtern können. Mit Apps kann man zum Beispiel große Notensammlungen digital verwalten, andere spielen einem sogar Noten vor, wenn man nur die Kamera über das Notenblatt hält.

 

Workshopleiter: Jonathan Kühnl

– Zielgruppe: Hobbymusiker_innen, die Erfahrung im Umgang mit Noten haben und Profis, die ihre tägliche Arbeit durch Apps als Hilfsmittel unterstützen wollen

Zur Anmeldung für den 8. Juni – 18-19 Uhr: Link

Zur Anmeldung für den 10. Juni – 15-16 Uhr: Link

 

Weiterführende Informationen und Literatur

ist wissenschaftlich als Leiter der Forschungsstelle Appmusik an der Universität der Künste Berlin tätig. Er beschäftigt sich im Rahmen seiner Promotion mit der Aneignung digitaler Musikinstrumente. Weitere Forschungsschwerpunkte betreffen: Digitale Medien in Lehre und Forschung, Kommunikation im Social Web, Netzkunst, Grundlagenforschung zum Musizieren mit Technologien. Matthias Krebs ist Gründer und Leiter des professionellen Tablet-Orchesters DigiEnsemble Berlin. Als Lehrbeauftragter ist der Diplom-Musik- und Medienpädagoge an mehreren deutschen Musikhochschulen sowie auch bei den Appmusik-Workshops von app2music aktiv.