Besonderheiten musikpädagogischer Praxis mit Apps

Matthias Krebs und Marc Godau | 24. März 2016

Die zunehmende Entwicklung von Smarttechnologien hat auch für musikalische Lernprozesse neue Möglichkeiten eröffnet. Jedoch gibt es bisher kaum empirischen Belege für die Wirkung unterrichtlichen Lernens mit Apps. Ebenso fehlen Aussagen darüber, welche Anforderungen das Musiklernen mit Apps an Schüler_innen stellt. Am 18. März 2016 konnten Matthias Krebs und Marc Godau bei der diesjährigen GMP-Tagung in Köln erste Erkenntnisse aus ihrer Pilotstudie „TOUCH:MUSIC #1 #musikpädagogische_besonderheiten #appmusik“ vorstellen. In diesem Beitrag stellen sie zentrale Punkte sowie die Folien des Vortrages Interessierten zur Verfügung.

Appmusik - Besonderheiten in musikpädagogischer Praxis_12

Die derzeitige intensive Auseinandersetzung ergibt sich mit der thematischen Rahmung des Feldes „Angebote Kultureller Bildung und Appmusik“ innerhalb des BMBF-geförderten Projektes TOUCH:MUSIC.

Apps in musikpädagogischen Zusammenhängen stellt ein Forschungsdesiderat dar

In großem Umfang stehen heutzutage Musikapps für verschiedene musikalische Lernszenarien zur Verfügung: Das Lernen musikalischen Fachwissens wie Musiktheorie und Gehörbildung, die Unterstützung musikalischer Praxis durch Stimmgeräte, Effekte oder Aufnahmeprogramme als App und nicht zuletzt auch die Förderung von Kompetenzen wie das Instrumentalspiel auf Apps im Ensemble.

Über die Verwendung von Smartphones und Tablets in verschiedenen musikpädagogischen Zusammenhängen sind innerhalb der letzten Jahre konkrete Beispiele auch für den Musikunterricht vorgestellt worden (siehe dazu auch in diesem Blog: hier, hier und hier). Dagegen ist jedoch seitens empirischer Forschung eine andere Situation zu verzeichnen, in der wir in der Beziehung von Musikpädagogik und Musiklernen mit Apps ganz am Anfang stehen.

Bei der hier vorgestellten Untersuchung handelt es sich um eine Pilotstudie, die nach Besonderheiten musikpädagogischer Praxis mit Apps fragt. Dass wir aufgrund der geringen Datenmenge zum derzeitigen Punkt keine abschließenden Antworten darauf geben können, erklärt sich insbesondere durch das explorative Design der Studie. So ging es uns um die Untersuchung eines ersten Falls und um einen möglichst offenen Forschungsfokus, der auf interaktionale Prozesse in der AG gerichtet ist und die Bedeutung des Umgangs mit den Technologien und den Akteuren aus Sicht der Teilnehmer_innen rekonstruiert.

Das Kulturelle Bildungsprojekt app2music als Untersuchungsgegenstand

Untersucht wurde ein regelmäßig stattfindendes Nachmittagsangebot an einer Berliner Schule. Diese Appmusik-AG ist Teil des Kulturellen Bildungsprojektes »app2music – Appmusik-AGs an Berliner Schule«. Das Projekt läuft seit 2014 gefördert vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung. Unter wechselnden Themen finden an mehreren Berliner Schulen Appmusik-AGs im Nachmittagsbereich statt. Angeleitet werden AGs von Musiker_innen als Teil der app2music-Community. In Anlehnung an Prinzipien der Community of Practice tauschen sich die Mitglieder regelmäßig über ihre musikalischen Vermittlungsarbeiten mit Apps aus. Plattformen dafür sind regelmäßig stattfindende Treffen, ein gemeinsamer Projekt-Blog sowie eine facebook-Gruppe. Die hier untersuchte AG mit 8 Teilnehmer_innen wurde von einer Musikerin und einem Musiker in einem Teamteaching-Format angeleitet.

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Das Thema des Halbjahres lautete »Soundtracks of our Lives«. Es war konzipiert als diversitätssensibles Musikprojekt: Grundsätzlich war das Projekt offen für alle, obgleich einzelne Schulen teils auch auf Klassenstufen beschränkte. Die Schüler_innen sollten sich in der AG mit Musikstücken beschäftigen, die in ihrem Leben eine besondere Rolle gespielt haben oder spielen. In den AGs wurde über die Musik gesprochen, das je Besondere herausgestellt und in Gruppenkompositionen überführt. Diese Kompositionen wurden in einem gemeinsamen Konzert von insgesamt 10 AGs öffentlich aufgeführt.

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Foto: Finn Dorian

Den qualitativen Datensatz bildeten Einzelinterviews mit den AG-Leiter_innen, ein Gruppeninterview, in denen AG-Schüler_innen sowie -Leiter_innen auf das gemeinsame Lernen in der AG hin befragt wurden, und die Blogartikel der Anleiter_innen.

Die Auswertung erfolgte mit den Verfahren der Grounded Theory. Dabei wurden die Daten in Prozessen ständigen Vergleichens im Hinblick auf hervortretende Differenzen bzw. die beobachteten Unterschiede untersucht. Ausgehend davon wurden die Gruppenprozesse in der AG rekonstruiert, wobei die hier vorgestellten Ergebnisse einen ersten Einblick in die Untersuchung geben sollen.

Vortrag auf der Tagung der Gesellschaft für Musikpädagogik (GMP)

Im Vortrag wurde gezeigt, wie die in der Untersuchungsgruppe genutzten Technologien zum Medium sozialer Differenzierung wurden. Innerhalb der Gruppen wurden mittels der Technologien einerseits Hierarchien ausgebildet und andererseits eine Abgrenzung von anderen Gruppen sowie insgesamt von anderen musikalisch-kulturellen Bildungsangeboten im Nachmittagsbereich der Schule möglich.

Außerdem wurden Unterschiede in den Kompetenzzuschreibungen festgestellt. Aus der Perspektive der Schüler_innen bedeutete dies besonders die Haltung, Musikapps nicht lernen zu müssen oder Trickapps zu nutzen, bei der die App alles Notwendige für die/ den Spieler_in übernehme. Aus Perspektive der Anleitenden basierte die Kompetenzschreibung vor allem auf Motivation, Alter, Geschlecht und Erfahrung. Dies hatte wiederum Konsequenzen in den Interventionen der beiden Dozent_innen, indem kompetent zugeschriebenen Schüler_innen Tipps und weniger kompetenten konkrete Anweisungen gegeben wurden.

Bei den Interviews mit den Anleitenden wurde zudem ein Konflikt zwischen der Rolle als pädagogisch Handelnde_r und der Rolle als Musiker_in deutlich, der sich auf drei Dimensionen als intra-, interpersonaler sowie situationaler Konflikt zeigte.

Die Folien unseres Tagungsbeitrages zum Nachschauen, Teilen und Download

Hiermit stellen wir Interessierten gern unsere Folien aus dem Vortrag zur Verfügung.

Appmusik – Besonderheiten musikpädagogischer Praxis mit Apps | GMP-Tagung Köln from Forschungsstelle Appmusik

 

 

Die Wissenschaftlichen Mitarbeiter Matthias Krebs und Marc Godau sind an der Forschungsstelle Appmusik (FAM) am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin tätig. Seit 2010 beschäftigen sie sich mit der systematischen Erfassung des Phänomens Appmusik sowie den daraus resultierenden pädagogischen Implikationen dieser veränderten musikalischen Praxis. Im Rahmen von TOUCH:MUSIC (BMBF-gefördertes Verbundprojekt mit der Bundesakademie Wolfenbüttel) entwickeln und erproben sie eine Qualifizierungsmaßnahme zur Professionalisierung von Musiker_innen für das Berufsfeld musikalisch-kreativer Vermittlungsarbeit in der Kulturellen Bildung. Darüberhinaus führen sie regelmäßig Workshops mit unterschiedlichen Zielgruppen durch und veröffentlichen Erkenntnisse in Fachzeitschriften und auf mehreren thematischen Blogs.

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