Appmusik in der Praxis (5) – Songwriting mit Apps

Marc Godau | 28. Juli 2015

»Wie kann man im Musikunterricht einen Rahmen schaffen, in dem Schüler_innen selbst kreative Ideen ausprobieren und komponieren können, wenn die meisten unter ihnen kein Instrument spielen?« Dieser Frage wurde in einem Projekt in Kaiserslautern nachgegangen. Man entschied sich das zu nehmen, was jedem Schüler heutzutage zur Verfügung steht, nämlich Apps wie sie Jugendliche auf ihren Smartphones oder Tablets nutzen. An drei Workshop-Tagen erarbeiteten Schüler_innen einer 7. Klasse in Gruppen 4 Songs zum Thema eine lange Nacht. Die daraus hervorgegangenen Kompositionen sind so unterschiedlich wie die vier Gruppen, sowohl von Musikstilen als auch in der Wahl der Apps.

Im fünften Teil der Reihe Appmusik in der Praxis, in der wir Erfahrungen aus unserer Praxis im Rahmen des BMBF-Projektes TOUCH:MUSIC dokumentieren, wird das von uns durchgeführte Kompositionsprojekt »app2music – eine lange Nacht« vorgestellt. Wir arbeiteten mit Musikapps im Musikunterricht am Hohenstaufen-Gymnasium in Kaiserslautern. Dieses Video zeigt Ausschnitte vom Auftritt der Schüler_innen im Rahmen der Langen Nacht der Kultur 2015.

Noch nie zuvor hatten Matthias Krebs und ich, Marc Godau, ein zeitlich so ausgedehntes Projekt im regulären Schulunterricht durchgeführt. Insgesamt umfasste es einen Zeitraum von drei Monaten. An vier Terminen waren wir persönlich anwesend. Wir konnten dabei die Entwicklungen, Höhen, Tiefen, Entscheidungen, Revisionen usw. der Schüler_innen viel besser verfolgen als es in kurzen Workshops möglich ist. Vor allem lässt sich das Projekt dadurch hervorheben, dass am Ende ein öffentliches Konzert einen authentischen Anlass gab, um im Unterricht zu komponieren. Und die dort präsentierten Stücke sind allesamt tolle Songs!

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Schülerinnen komponieren ihren Song im Musikunterricht. Ihre Instrumente sind verschiedene Musikapps.

Dr. Christoph Dammann, Direktor des Kulturreferats Kaiserslautern, hatte sich persönlich mit der Bitte an uns gewandt, mit Kindern und Jugendlichen in einem Workshop innerhalb einer örtlichen Schule auf die Art und Weise Musik zu machen wie die Musiker des DigiEnsemble Berlin.

Infolgedessen initiierten wir gemeinsam mit dem Musiklehrer, Dr. Joachim Junker, ein Appmusik-Projekt in der 7e des Hohenstaufen-Gymnasiums. Er selbst hat u.a. aus einem vergangenen Projekt mit Samsung-Geräten auf android-Basis bereits Erfahrung im Umgang mit Musikapps im Musikunterricht und war uns von Dr. Dammann empfohlen worden. Es sollte ein Song-Writing-Projekt werden.

»Eine lange Nacht« als Rahmen des Projekts

In selbst gewählten Gruppen erhielten die 28 Schüler_innen am 14. April den Auftrag, eine Komposition zum Thema »Eine lange Nacht« mit Apps auf iPads zu erstellen. Grund für die Wahl dieses Themas war, dass das Ziel des Song-Writing-Projekt die erfolgreiche Vorbereitung einer Aufführung der Songs am 13. Juni 2015 bei der Langen Nacht der Kulturen in Kaiserslautern beinhaltete.

Für jede_n in der Klasse wurde von der Schule ein iPad gestellt, das für die gesamte Laufzeit des Musikprojektes von behalten wurde. Die Schüler_innen arbeiteten damit im Unterricht an den Songs, nahmen sie mit nachhause und konnten diese in ihren Alltag integrieren (z.B. Spiele spielen, YouTube oder soziale Plattformen nutzen etc.).

Die Klasse wurde in vier gleichgroße Gruppen geteilt. Jede_r durfte selbst entscheiden, mit wem sie/er arbeiten wollte. Und so kamen zwei Mädchengruppen und zwei Jungengruppen zustande.

1. Treffen – Wie wird die Band zur Band?

Das erste Treffen Mitte April zielte darauf ab, dass die Schüler_innen sich mit der Arbeit im Projekt vertraut machen. Das hieß, dass sie als Band von Anfang an über ihr gemeinsames Lernen nachdenken, erste Ideen für den eigenen Song entwickeln und verschiedene Musikapps auf den iPads kennenlernen.

Das Video zeigt einen Zusammenschnitt des ersten Tages. Ziel war es, die Gruppen zu Bands zu formen. Innerhalb jeder Band sollten schon die ersten Songtexte und musikalischen Strukturen entstehen. Außerdem stand natürlich das Kennenlernen des Mediums Musikapps an.

Nachdem jede_r Schüler_in ihr/sein Tablet für die nächsten Wochen erhielt, begann die erste Phase dieses Projekttages. Wir hatten vier verschiedene Gruppenarbeitsplätze aufgebaut, an denen jeweils nur mit einer von insgesamt vier Apps gearbeitet werden sollte:

Die Gruppen bekamen 45 Minuten Zeit, um sich mit der App vertraut zu machen und erste Song-Ideen auszuprobieren. Diese Ideen sollten anschließend mit der eigenen Band zu einem Song oder Musikstück weiterentwickelt und kurz präsentiert werden.

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Im Video sieht man als Ergebnis dieser ersten Phase (1) den Song einer Jungengruppe, bei dem alle mit der App Soundprism spielen (ab 1:55), (2) den Song einer Mädchengruppe, die auf einem einzelnen Tablet spielen und die App Auxy nutzen (ab 2:15) und (3) die zweite Jungsgruppe, die ihren Song mit der App SynthX musizieren (ab 2:26).

Um die nächste Phase einzuläuten, bewerteten alle Gruppe mithilfe einer Zielscheibe ihr bisheriges Arbeiten (ab 2:40). Sie hatten die Aufgabe einzuschätzen, (a) wie weit sie schon zur Band geworden sind und (b) was es bräuchte, um die Arbeitsprozesse noch zu verbessern.

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Die Schüler_innen haben jeweils nach den Präsentation in die Zielscheibe eingetragen, wie sehr sie sich schon als Band sehen.

Nach dieser Zwischenreflexion erkundeten die Schüler_innen-Gruppen eine andere App und bereiteten eine zweite Präsentation vor. Die  Grundlage für die Arbeit waren nunmehr die in der Reflexion herausgestellten Ziele. Ferner überlegten sie sich Künstlernamen und stellten die im Song verwendeten Musikapps sowie den Status Quo ihrer Kompositionen im Plenum vor.

»Woran können wir erkennen, dass ihr zu einer Band geworden seid?«

Im Anschluss an ihre Aufführung erhielt jede Band Feedback von den anderen Gruppen. Dies hatte zum Ziel, einmal eine Rückmeldung durch eine Zuhörerschaft zu bekommen und auch auf das nächste Mal vorzubereiten, indem sich durch diese Rückmeldungen neue Lernziele ergaben.

In der dritten Phase (ab 6:09) brachen wir das Konzept auf wechselten das Setting mit einer sogenannten Appswitch-Session. Dabei hatten alle 10min Zeit, um so viele Musikapps auszuprobieren wie möglich. Ziel hierbei war, dass jede_r einerseits eine individuelle Lieblingsapp findet. Andererseits sollten auch weitere Ideen für den Song im spielerischen bzw. improvisatorischen Umgang mit den Apps entstehen. Ihre Funde der Klasse vorgestellt.

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Nach unserer Rückkehr nach Berlin wurde schnell das Dokumentationsvideo geschnitten und der Klasse für den Musikunterricht zur Verfügung gestellt. Nach Aussage des Lehrers waren die Schüler_innen durch das nochmalige Sehen des ersten Projekttages motiviert, insgesamt im Projekt und speziell an den Songs zu arbeiten und diese weiter zu verbessern.

2.Treffen – Die Songs werden entwickelt

Das zweite Treffen fand mit einem Abstand sechs Wochen Ende Mai statt. In der Zwischenzeit hatte die Bands der Klasse ein paar Mal im Musikunterricht bei Herrn Dr. Junker die Songs wiederholt. Ziel des zweiten Treffen war nun, die Songs fertig zustellen. Somit sollten sie soweit vorbereitet sein, dass wir uns beim abschließenden Treffen (nur noch) auf die Bühnenperformance der Bands konzentrieren können.

Das Video des zweiten Treffens zeigt die Unterteilung des Treffens in drei Phasen: 1.Wiederholung und Setzen eigener Ziele, 2. Arbeit auf Grundlage des Feedbacks durch die Klasse sowie 3. die Fertigstellung des Songs und Lehrerfeedback.

In der ersten, kurzen Phase wiederholten die Bands ihre Stücke. Dabei ging es vor allem darum, den Stand der Songs in der Band zu reflektieren (Was können wir noch?) und ausgehend davon erste Ziele für den Tag entwickeln zu können. Gemeinsam wurden anschließend im Plenum alle möglichen Ziele unter der Frage zusammengetragen:

»Woran werden wir am Ende des heutigen Tages erkennen, dass der Song fertig ist?«

Die Klasse hatte sich auf die zwei wichtigsten Ziele geeinigt, die das Arbeiten in den Bands unterstützen sollten. Diese Ziele waren (1) mit der Technik (Mischpult etc.) umgehen können und (2) eine klare Songstruktur festlegen.

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In der zweiten Phase hieß es nun ausgehend davon eine erste kleine Präsentation vorzubereiten (ab 4:33). Nachdem alle vier Gruppen ihre Stücke vorgetragen hatten, erhielten Sie mündlich und zusammenfassend auf einem Blatt schriftlich Feedback von den anderen Gruppen und sich selbst. Das heißt, dass jede Band von der jeder Gruppe unter folgenden zwei Fragen reflektiert wurde:

  1. Was war an der Vorstellung gelungen?
  2. Welche(n) Tipp(s) geben wir der Gruppe?

Durch die angesammelten Kommentare hatten die Schüler_innen für die dritte Arbeitsphase Orientierungspunkte: Worauf soll sich das Komponieren konzentrieren? Was kann die Band bereits? Und was ist eher zweitrangig während der Erarbeitung zu behandeln?

In der Vorbereitung einer Abschlusspräsentation in Phase 3 (ab 8:32) erhielten die Schüler_innen Unterstützung durch die Herrn Dr. Junker und mich. Wir standen für Fragen und Probleme bereit und versuchten mit den Gruppen gemeinsam eine Lösung für auftretende Probleme zu finden.

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Am Ende stellten die Gruppen ihre fertigen Songs vor der Klasse vor (ab 14:20). Jede Gruppe bekam nochmals ein Feedback z.B. zum Zusammenspiel der Gruppe, zu Lautstärkeverhältnissen und zum Song. Die Klasse filmte auch die einzelnen Präsentation direkt mit ihren iPads, damit die Gruppen im Nachgang an die Stunde ihre Songs anhören und -schauen können.

3. Treffen – Vorbereiten für den Auftritt

Am 12.06. hieß es dann, die Songs soweit zu sicher zu machen, dass diese am folgenden Samstag um 19:30 im regulären Rahmenprogramm der Veranstaltung präsentiert werden konnten. Dazu gehörte besonders das Üben der Performance sowie des Bühnenauf- und -abgangs.

Im Video des vorbereitenden Treffens sieht man, dass der letzte Projekttag an der Schule darauf abzielte, dass die Songs den letzte Schliff bekommen und sich die Bands auf den anstehenden, öffentlichen Auftritt vorbereiten.

Der Anfang der Stunde bestand wie gewohnt darin, den Status Quo und Ziele der Schüler_innen für die Stunde zu ermitteln. Nachdem die Bands ihren Song gespielt hatten, erhielten sie die Aufgabe, ihren Fortschritt auf einer Rankingskala selbst zu positionieren (ab 2:16).

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Die Eins auf der Skala bedeutete eine Selbsteinordnung ganz am Anfang des Arbeitsprozesses und eine Zehn, dass der Song und die Performance einfach nur perfekt ist. Interessant war, dass die beiden Jugendgruppen sich im oberen Drittel und die Mädchen im unteren Drittel einstuften. Um Ziele für den letzten Projekttag ausarbeiten zu können, wurde die Frage gestellt, wie die Gruppe denn von der selbst eingeschätzten Skalenpunkt (z.B. 4) einen Punkt höher (also 5) gelangen könnte.

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Ausgehend von dieser Selbsteinschätzung arbeiteten die beiden Mädchengruppen in einem separaten Raum an der Fertigstellung ihrer Songs und die Jugendgruppen begannen mit der Performance-Probe. Im Anschluss daran wurde getauscht.

»Wie präsentieren wir unseren Song?«

In den Performance-Proben (ab 4:50) arbeiteten immer zwei Gruppen an der Präsentation vor Publikum. Wie kommen wir als Band auf die Bühne? Wie checken wir unsere Instrumente? Wir wirken wir als Band auf der Bühne? Wie gehen wir wieder von der Bühne ab? usw.

Jeder Durchlauf inklusive Auf- und Abgang von der Bühne wurde von der je anderen Gruppe auf den iPads als Video aufgenommen. Danach gaben sich einerseits die beiden jeweils probenden Gruppen Feedback zum Auftritt und andererseits wurden aufgenommen Videos angeschaut. Durch das Anschauen der eigenen Präsentation konnten die Tipps der anderen Schüler_innen besser nachvollzogen werden und jede_r konnte sich selbst kritisch reflektieren.

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Ein drittel der Workshop-Zeit wurde dazu verwendet, dass der Bühnenablauf stimmt (ab 15:40). Außerdem wurde auch an den Ansagen der Bands gearbeitet. Am Nachmittag fand dann eine Bühnenprobe Vorort in der Fruchthalle statt (ab 18:20).

Das Konzert – Uraufführung der eigenen Songs

Am 13.06. wurden die Songs der Schüler_innen uraufgeführt. Dafür hatten sich die Gruppen Outfits und eine kleine Bühnenshow überlegt. Das Publikum bestand aus Eltern und Freunden der Schüler_innen sowie aus zahlreich erschienenen Gästen der Kulturveranstaltung. Die hier aufgeführten Videos sind Mitschnitte aus dem ca. 20minütigen Konzert.

Die sechsköpfige Mädchenband Black Wonder eröffnete das Konzertes mit ihrem Song »Night again«. Zum Musizieren nutzten sie die Musikapps SoundPrism, guitarism, Chordion, iGrand Piano und Auxy für das Schlagzeug.

Die Band Esstisch spielt nach einer Kurzvorstellung der Bandmitglieder ihren western-style Song »Cowboy Joey«. Für ihren Song verwenden die Apps guitarism, GarageBand und Drums XD.

Die Mädchenband spielt ihren Song »Scary Night«. Die Sängerin wird dabei von vier Mädchen begleitet, die auf SoundPrism, iGrandPiano, ThumbJam und Auxy musizieren.

Die siebenköpfige Jungenband Tsunami spielt ihren Song »Race in the Darkness«. Dabei begleiten fünf Schüler mit unterschiedlichen Patterns auf Auxy die zwei Sänger, die einen selbst gedichteten Text rappen.

Fazit

Die Videos der Proben und des Konzertes zeigen, wie sich jede Gruppe entwickelt hat. So entwickelten sich die meisten Stücke gerade beim zweiten Treffen besonders deutlich. Und beim Auftritt traten alle vier Gruppen sehr souverän auf: Alle Gruppen hatten sich Gedanken über ihre Präsentation als Band gemacht.

Apps On Stage: Schülerinnen des Hohenstaufen-Gymnasiums auf der Bühne der Langen Nacht der Kultur Kaiserslautern 2015.

Apps On Stage: Schülerinnen des Hohenstaufen-Gymnasiums auf der Bühne der Langen Nacht der Kultur Kaiserslautern 2015.

Dazu gehörte auch eine passende Bühnenkleidung, was uns überraschte. Einige Bands hatten sich auch außerhalb des Unterrichts zum Proben getroffen und spielten ohne nennenswerte Probleme ihre Stücke.

Alles in allem war es ein gelungenes Projekt, dass uns sehr viel Spaß gemacht hat. Ein großes Dankeschön an die Klasse 7e und Herrn Junker!

ist Musiker, Musikpädagoge sowie Workshopleiter in der Populären Musik und Appmusik. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin sowie an der Universität Erfurt. Er forscht und publiziert in den Bereichen Hochschulentwicklung, pädagogische Fort- und Weiterbildung, technologievermitteltes Musiklernen, kollektive Lernprozesse beim Musizieren in Schule und Hochschule sowie Lehrer_innenprofessionalisierung. In seiner Dissertation – einer systemisch-konstruktivistischen Grounded Theory Studie – untersuchte er selbstständige Lernprozesse von Schüler_innengruppen beim Musizieren von Popmusik.