Appmusik in der Praxis (3) – Komponieren und Peer-Tutoring

Marc Godau | 12. März 2015

– Bericht aus der Projektwoche – Komponieren und Peer-Tutoring in der KLAX Grundschule –

 

In der Woche vor den Weihnachtsferien haben Matthias Krebs und ich, Marc Godau, ein Appmusik-Projekt mit einer fünften Klasse der KLAX Grundschule in Berlin – Weißensee durchgeführt. Dies ist Folge der Arbeit innerhalb des BMBF-geförderten Projektes TOUCH:MUSIC, in dem wir einzelne Konzepte an pädagogischen Einrichtungen erproben. Diesmal ging es um das Musikmachen mit Grundschüler_innen. An insgesamt drei Tagen musizierten wir mit den Schüler_innen mit verschiedensten Musikapps, installiert auf iPads. Am dritten Tag wurden schließlich drei Stücke vor der gesamten Schule aufgeführt. Die von Matthias begleitete Gruppe spielte ihre Version von Get Lucky der Band Daft Punk und meine Jungen und Mädchen spielten zwei selbst komponierte Stücke.

DieMädchen arbeiten an ihrer Eigenkomposition.

Die Mädchen arbeiten an ihrer Eigenkomposition.

In diesem Blogbeitrag will ich die Erfahrungen aus der von mir angeleiteten Gruppe vorstellen. Dabei konzentriere ich mich insbesondere auf die Kompositionsprozesse der Jungen und Mädchen. Sie haben zunächst getrennt in eine Mädchen- und eine Jungengruppe jeweils ein Stück komponiert. Die beiden daraus hervorgegangenen Stücke brachten sie sich anschließend gegenseitig bei, um sie gemeinsam beim Schulkonzert am dritten Tag aufzuführen.

KLAX-Schüler_innen haben Erfahrungen im mobilen Lernen in der Schule

Vorab ist zu sagen, dass wir die KLAX Grundschule als eine Schule kennengelernt haben, in der iPads oft für das Lehren und Lernen eingesetzt werden. Damit unterschied sich die Situation von anderen Projekten, bei denen die Teilnehmer_innen erst einmal keine Erfahrungen mit dem Mobilen Lernen im Unterricht hatten. Uns interessierte, inwiefern sich ihre Erfahrung mit den Geräten nun auf die geplanten Projektarbeiten auswirkte. Musiziert hatten die Schüler_innen zuvor mit mobilen Digitalgeräten im Unterricht dagegen noch nie. In einem ersten Resümee hatten wir nicht den Eindruck, dass die KLAX-Schüler_innen leichter, schneller oder besser Musik machten. Hingegen bestätigte sich, dass auch sie, wie die meisten Kinder in unseren Projekten, unbeschwert, kompetent, ohne Hemmungen und motiviert mit den Apps umgingen.

Planung und Neu-Planung

Welche Musik wählt man für Gruppen aus, die man nicht kennt? Dies ist wohl oft eine leidliche Frage, mit der man als Pädagog_in vor Projekten mit unbekannten Gruppen konfrontiert ist. Da unser Projekt in der Vorweihnachtszeit stattfinden sollte, hatten wir geplant, das Weihnachtslied „Weihnachten in Familie“ oder das Lied “Lass jetzt los” aus dem Kinoerfolg »Die Eiskönigin« ins Zentrum zu stellen. Während der Einführungsphase mussten wir von unserem Plan abweichen, da einige Kinder die Lieder nicht kannten und die anderen diese nicht besonders mochten. Dabei stellte sich die Frage, welche pädagogischen Zielsetzungen ein Festhalten an der Planung begründen.

Die Gruppe spielt ihre beiden Stücke vor der gesamten Schule.

Am letzten Projekttag spielt die Gruppe ihre beiden Stücke vor der gesamten Schule.

Unser primäres Ziel war selbstständiges und kollaboratives Lernen in Gruppen mit den Musikapps. Das heißt, die Schüler_innen arbeiten selbstständig paarweise oder als Gruppe an einem Musikstück. Das erforderte unserer Ansicht nach, den Fokus auf demokratische und schülerorientierte Arbeitsformen zu legen. Dadurch wurde nicht die Wahl eines bestimmtes Musikstücks relevant, sondern das musikalische Lernen bzw. musikalische Kompetenz. Die praktische Konsequenz sah unterschiedlich aus: Matthias wählte zusammen mit den Schüler_innen den Song Get Lucky von Daft Punk aus. Ich stimmte mit meiner Gruppe ab, entweder gemeinsam einen von der Gruppe bestimmten Song zu spielen oder ein weihnachtliches Musikstück zu komponieren. Wir einigten uns schnell auf das Komponieren, denn das fanden fast alle meiner Fünftklässler_innen spannender.

Weitere Ziele des Projektes waren:

  • Die Schüler_innen wählen Apps zum Musizieren aus und begründen ihre Entscheidung.
  • Die Schüler_innen spielen ein bzw. mehrere Stücke als Ensemble.
  • Die Schüler_innen spielen ein Musikstück bei der Abschlusspräsentation vor Schüler_innen anderer Klassen.

Während wir zwar die Auswahl der Musikstücke der Situation anpassten, konnten wir an den Erarbeitungsmethoden hingegen festhalten. Das bevorzugte Vorgehen bestand in kollaborativen und selbstständigen Arbeitsformen. Verzichtet wurde größtenteils auf explizit angeleitete Phasen im klassischen Sinne, in denen der Lehrende den Lerner_innen genaue Handlungsvorgaben gibt. Unsere Interventionen konzentrierten sich vorwiegend auf Fragen zum Vorgehen, die Unterstützung bei der Appauswahl oder darauf, dass die Gruppen vorgegebene Zeitfenster in Erarbeitungs- und Übungsphasen einhielten.

 

Durchführung

Erster Tag: Ideen entwickeln und Komponieren

Nach einer kurzen Vorstellung des Projektvorhabens und dem gemeinsamen Vorgehen für die kommendenen drei Tage wurde die Klasse in zwei gleichgroße Gruppen geteilt. Die Schüler_innen übernahmen dabei selbstständig die Zuweisung der Mädchen und Jungen zu einer Gruppe. Jede Gruppe bekam nun einen eigenen Raum, in dem jeweils ein JamHub-Mischpult, ein Lautsprecher und iPads für jedes Mitglied vorhanden waren. Diese Geräte hatten wir besorgt und eingerichtet, Kopfhörer brachte sich die Schüler_innen selbst mit.

Phase 1: AppSwitch-Session

Damit sich die Mädchen und Jungen mit dem Appmusizieren vertraut machen konnten, begann ich in meiner Gruppe am ersten Tag mit einer AppSwitch-Session. Darin konnte jede/r so viele Apps wie möglich austesten und sich schließlich für eine entscheiden, die ihm oder ihr am besten gefiel. Im Anschluss daran stellten sich die Kinder gegenseitig ihre ausgewählte App vor und erklärten den anderen, was man damit machen kann und was daran gefiel. Das wiederum führte dazu, dass andere sich für diese App interessierten.

Wie in anderen Projekten auch nutzten wir die AppSwitch-Sessions als Methode, um einerseits verschiedene Musikapps auszutesten und andererseits das angebahnte Gruppenkomponieren bzw. Ensemblemusizieren vorzubereiten. Diese Phasen zielen darauf ab, dass die Schüler_innen von Anfang an selbst Entscheidungen über die Auswahl treffen. Das hat vor allem zwei Intentionen: Die erste besteht in der Konfrontation mit Prozessen der Entscheidungsfindung innerhalb der eingeräumten Freiräume. Denn nicht jede App kann vorgestellt werden, sondern Regel ist, dass jeder Schüler genau eine App der Gruppe vorstellt. Freiräume bestehen vor allem darin, dass gestöbert werden kann, was aufgrund der vielen vorhandenen Musikapps verlockend ist.

Eine Schülerin probiert während der AppSwitch-Session die App Rockmate aus.

Eine Schülerin probiert während der AppSwitch-Session die App Rockmate aus.

Die zweite besteht vor allem in der pädagogischen Grundhaltung, aus der heraus wir uns auch überraschen lassen wollen. Anders als in vorgeplanten Stunden – die es durchaus gibt – wollen wir sehen, welche Apps die Schüler_innen für das Musizieren wählen. Dadurch grenzen wir sie nicht zu früh durch unsere eigenen Vorstellungen ein, sondern werden selbst auch durch ihre Vorstellungen herausgefordert. Beispielsweise sollte die im nachfolgenden Video vorgestellte App “Musyk Pro” für die nachfolgende Komposition genutzt werden. Es waren dann die Jungen selber, die die Einschränkungen der App (z.B. eingegrenzte Tonart und Rhythmik) für ihre Komposition reflektierten.

Wir gingen in der AppSwitch-Session so vor, dass jeder innerhalb von 10min alle Apps so lange und so intensiv austesten konnte, wie sie oder er wollte. Die Musikapp, die am besten gefiel, sollte anschließend der Gruppe vorgestellt werden. Man sieht im Video, dass einige anscheinend ihre Begeisterung nicht zurückhalten konnten und teilweise Apps schon inmitten der selbstständigen Phase den anderen präsentierten und empfahlen. Die abschließende Auswertung in der Gruppe hatte dann allerdings noch einmal den Effekt, dass die Spielweise vorgestellt und kurz erläutert wurde, was die App für einen so attraktiv macht.

Phase 2: Komponieren mit verschiedenen Musikapps

Die Schüler_innen meiner Gruppe hatten sich dafür entschieden, ein eigenes Stück zu komponieren. Daher standen sie vor der Aufgabe, ein Stück zu erstellen, das die perfekte Stimmung am heiligen Abend ausdrücken sollte. Welche Apps sie dazu nehmen, war ihnen selbst überlassen. Die vorangegangenen Appswitch-Session sollte insofern als Vorarbeit dienen, als dass jede/r schon eine Vorstellung über Möglichkeiten gewonnen haben sollte.

Wir besprachen, was man denn für einen Song oder ein Musikstück bräuchte. Die Schüler_innen nannten Bestandteile wie Melodie, Schlagzeug und Begleitung. Danach teilten wir uns auf Wunsch der Mädchen und Jungen für diese Aufgabe in gleichgeschlechtliche Gruppen. Mit dem Jamhub-Mischpult geht das unkompliziert, da wir mit Kopfhörern musizieren konnten. Jede/r einzelne stellte nun auf seinem/ ihrem Kopfhörerkanal nur die Spieler_innen ein, die zu hören sein sollten. Damit arbeiteten in einem Raum zwei Gruppen, ohne sich ‘klanglich’ ins Gehege zu kommen, denn keine Gruppe hörte die Töne und Rhythmen der anderen. Dennoch wollten nach etwa 10min die Mädchen den Raum wechseln, weil sie sich gern ohne Kopfhörer hören wollten und das Sprechen der Jungs sie beim eigenen Arbeiten behinderte.

Jede/r stellt sich am Mischpult selbst ein, was auf den Kopfhörern lauter oder leiser zu hören sein soll.

Jede/r stellt sich am JamHub-Mischpult selbst ein, was auf den Kopfhörern lauter oder leiser zu hören sein soll.

Ich übernahm in dieser Zeit die Rolle des Beraters. Dementsprechend versuchte ich, die Schüler_innen dabei zu unterstützen, ihre Ideen umzusetzen. Ich ließ mir Ideen vorspielen, fragte nach der Besetzung, der Stimmung des Stückes oder half bei Problemen wie dem Einstellen von Tonarten.

Gemeinsamkeiten der beiden Gruppen

Beide Gruppen arbeiteten ein Harmonieschema heraus. Die Mädchen kamen zu den zwei Akkordreihenfolgen A-Hm-E7-A und D-A-E-A und die Jungen zur Folge D-Em-G-A. Dieses Harmonieschema wurde dann von zweien auf unterschiedlichen Apps gespielt. Die Mädchen spielten die Akkorde auf den Apps “Garageband” und “SoundPrism” und die Jungen nutzten “Garageband” und “Guitarism”.

Komponieren in Gruppen mit Apps – Projekttage bei KLAX
Die Melodien wurden in beiden Gruppen auf der Apps “ThumbJam” gespielt, wobei die Mädchen darauf Geige und die Jungen E-Gitarre spielten. Ich stellte ihnen eine pentatonische Skala ein, mit der sie gerade in der Findungsphase zu den Akkorden spielen konnten, ohne vermeintlich schiefe Töne zu produzieren. Sowohl das Mädchen als auch der Junge spielten größtenteils improvisierte Melodien, entwickelten aber im Laufe der Zeit Melodieteile, die fest waren, und um freie Teile ergänzt werden konnten.

Unterschiede der Gruppen

Das Musikstück der Jungen sollte eine freudige Stimmung beschreiben, während die Mädchen sich einen romantischen Abend vorstellten. Die Mädchen hatten ursprünglich drei Akkorde pro Zeile. Das Problem war, dass sie keine feste Dauer festgelegt hatten, aber alle Akkorde gleichlang spielen wollten. Im Video sieht man, wie sie ihr Zusammenspiel organisierten: Orientierung dabei gab es primär dadurch, dass die Garageband-Spielerin auf das Wechseln der SoundPrism-Spielerin achtete. Dieser visuelle Fokus führte jedoch dazu, dass die Begleitautomation bei Garageband nicht einheitlich abgespielt wurde. Immer dann, wenn die SoundPrism-Spielerin dreimal den Akkord gespielt hatte, wurde gewechselt, gleich welche Taktarten bzw- Taktverschiebungen sich dadurch ergaben. Nach Beendigung einer Harmoniefolge wurde abgebrochen, was zu merkwürdigen Brüchen führte.

DieMädchen arbeiten an ihrer Eigenkomposition.

Die Mädchen komponieren und proben gemeinsam ihr eigenes Stück.

Ich gab ihnen zwei Tipps: Erstens schlug ich vor, dass die Garageband-Spielerin die Leitung über den Akkordwechsel übernehmen sollte. Dadurch konnte eine einheitliche Taktart eingehalten werden. Zweitens empfahl ich ihnen, vier Akkorde pro Zeile zu erfinden und jede Zeile auf dem Grundakkord aufzuhören. Damit klangen die beiden Teile abgeschlossen. Die Jungen hatten weniger Probleme damit, Ideen zu entwickeln, als sich für Apps für das gemeinsame Spiel zu entscheiden. Das hatte zur Folge, dass zu Anfang alle drei Jungen Sequenzer-Apps spielten, die einzeln interessant klangen, gleichzeitig abgespielt allerdings harmonisch sowie rhythmisch durcheinander klangen.

Die Jungen denken sich einen Song aus.

Die Jungen denken sich einen Song aus.

Ich unterhielt mich mit ihnen darüber, wer welchen Part übernehmen wolle. Damit wurde der Prozess gewissermaßen auf Anfang gestellt: Es wurde festgelegt, wer die Melodie spielt und wer begleitet. Von da an kamen sie zügig zu einem Ergebnis. Sie hatten keinen Schlagzeuger, weshalb ich diesen Part auf Drumpad übernahm. Das hatte nicht nur den Vorteil, dass ihr Rocksong noch rockiger wurde. Ebenfalls half dies beim Einhalten eines einheitlichen Tempos und des Akkordwechsels. Je mehr wir zusammen spielten, desto sicherer wurden die Wechsel, weshalb wir keine zusätzlichen Rhythmusübungen oder dergleichen einbauen mussten. Wir lernten das Zusammenspielen aus dem Zusammenspielen heraus.

Phase 3: Präsentation der Ergebnisse

Nach einer Stunde Gruppenarbeit stellten sich die beiden Gruppen ihre ersten musikalischen Ergebnisse gegenseitig vor. Dabei gaben gaben sich die Gruppen gegenseitig Feedback. Und das bedeutete, dass gesagt wurde, was schon gelungen war und an welchen Stellen man noch mehr rausholen könnte. Den Mädchen gefiel das Tempo und der rockige Charakter des Jungenstücks und sie gaben ihnen den Tipp, die Lautstärkeverhältnisse noch anzugleichen, damit auch jeder zu hören ist. Geäußert wurde auch, dass die Mädchen nun auch eine Schlagzeugbegleitung in ihrem Song haben wollten. Somit übernahm ich auch in dieser Band die App “Drumpad”.  

 

Zweiter Tag: Beenden der Kompositionen und den anderen beibringen

Es gehört zum Schulalltag, dass Schüler_innen fehlen oder hinzukommen. Und so ergab es sich auch bei uns, dass neu hinzugekommene Schüler_innen sowohl in der Gruppe von Matthias wie auch in meiner eingearbeitet werden mussten. Das ging weitestgehend unproblematisch, da sie sich einfach einer Gruppe zuordnen durften und dort eine Stimme erarbeiteten. In meiner Gruppe kam ein Mädchen hinzu, dass von den Mädchen in die Komposition eingeführt wurde und eine Solostimme erhielt.

Nachdem der zweite Tag bei mir ebenfalls mit einer AppSwitch-Session begonnen hatte, bei der Apps ausgetestet und vorgestellt werden konnten, wiederholten die zwei Gruppen ihre Stücke. Hauptsächlich ging es an diesem Tag darum, erstens die beiden Kompositionen zu finalisieren und diese dann zweitens der anderen Gruppe beizubringen, also die Mädchen ihre Komposition den Jungen und die Jungen ihre wiederum den Mädchen beibrachten. Ziel dieser Methode war, dass die Mädchen und Jungen noch einmal explizieren, was sie komponiert hatten.

Die Mädchen lernen das Stück der Jungen auf Soundprism zu spielen

Die Mädchen lernen das Stück der Jungen mit der Musikapp Soundprism zu spielen

Für die Erarbeitung der Kompositionen als große gemischte Gruppe gab ich zwei Musikapps vor und entschied mich damit für ein verstärktes intervenieren. Für das Stück der Jungen hatte ich die Apps “SoundPrism” und für das Stück der Mädchen die App “ChordPolyPad” als Vorgaben ausgewählt. Mit beiden Apps kann man gut Akkorde spielen, wodurch die harmonische Begleitung unterstützt wurde. Erfahrungen im Spiel dieser Apps hatten ja bereits einige Schüler_innen zuvor gesammelt. Nun konnten immer zwei aus jeder Gruppe erklären, wie man die jeweilige Komposition spielen muss.

Beim Stück der Jungen fanden sich die Mädchen schnell mit den Akkorden zurecht, da sie auch in ihrer eigenen Komposition bereits “SoundPrism” benutzt hatten. Wir testeten noch ein wenig, welchen Sound wer wie spielen kann, damit sich jede/r Schüler_in auch aus dem Gesamtklang heraushören kann. So verteilten wir einerseits flächige, warme Klänge und ein Mädchen spielte einen Sound, der ähnlich einer verzerrten E-Gitarre klingt. Andererseits spielten drei Mädchen liegende Akkorde und die gitarrenähnliche Stimme spielte immer auf der ersten Zählzeit und unterstützte dadurch rhythmisch.

Beim Stück der Mädchen verlief es ähnlich: Ich hatte die App ChordPolyPad vorgegeben. Die Mädchen waren an der Reihe, den Jungen ihren Song zu beizubringen und auch diesen dann gemeinsam zu musizieren. Ohne größeres Zögern fing ein Mädchen an, den Jungen die Spielweise und Form ihres Stücks zu erklären. Hinzu kommt, dass sie den Jungs erste Hinweise des Zusammenspiels gab. So sollten sie sich an der von ihr gespielten Cello-Melodie auf Thumbjam orientieren, um ihren Einsatz mit ChordPolyPad zu finden. Während das Intro nämlich nur auf Thumbjam gespielt wurde, mussten danach alle durch ein Kopfnicken angezeigtes Zeichen gleichzeitig einsetzen.

Unter den Mädchen und Jungen entfachte eine Phase gegenseitiger Aushandlung über die Spielweise des Mädchenstücks, die jedoch von mir zu früh unterbrochen wurde. Im Nachgang an das Video musste ich feststellen, dass meine Intervention an dieser Stelle vom jetzigen Standpunkt aus zu früh einsetzte. Getrieben von der Ungewissheit, ob wir es rechtzeitig schaffen werden, übernahm ich eine führende Rolle und gab konkrete Spielanweisungen und stellte Fragen an die Gruppe. Auf dem Video sieht man m.E. sehr gut, wie die Schüler_innen selbst das Problem lösen, wie der Song zu spielen ist.

Bei der Sichtung des Videomaterials mussten wir selbstkritisch feststellen, dass oftmals die ergebnisorientierten Stellen gefilmt wurden, auf denen ich selbst mit der Gruppe zusammen arbeite. Die meiste Zeit hatten die Mädchen und Jungen selbstständig gearbeitet. Stärkere Interventionen meinerseits kamen erst ab der Hälfte des zweiten Tages hinzu, was ich mir durch das Näherrücken der beiden Präsentationen (2. Tag vor der anderen Gruppe/ 3.Tag Präsentation vor der Schule) erkläre. Lukasz Fabijanczyk, der das Videomaterial aufgenommenen hatte, musste am 2. und 3. Projekttag abwechselnd beide Gruppen filmen. Dabei musste er aufpassen, dass das Videographieren nicht allzu künstlich für die Teilnehmenden würde. Deshalb wurden gerade die selbstständigen Phasen nicht zu häufig von der Kamera begleitet. Die Kehrseite ist nun aber, dass wir überwiegend Videomaterial haben, auf dem die Gruppen von uns angeleitet werden.

Die Mädchen und Jungen arbeiteten von Anfang an kollaborativ und selbstständig. Ersteres zeigte sich vorallem darin, dass sie sich bei technischen Herausforderungen wie Verkabelung oder Einstellung am Mischpult gegenseitig halfen. Die Gruppe organisierte sich schnell selbst. So wurden ohne fremde Anleitung Aufgaben (z.B. Verkabeln, Einstellen des Mischpults oder gegenseitiges Helfen beim Finden der richtigen Einstellungen in einer App) von einzelnen übernommen.

Wir präsentieren unsere beiden Stücke vor Matthias Gruppe.

Wir präsentieren unsere beiden Stücke vor Matthias Gruppe.

Um die Schüler_innen auf das anstehende Konzert am folgenden Tag vorzubereiten, hatten Matthias und ich verabredet, dass sich die beiden Gruppen ihre Stücke gegenseitig vorspielen. Meine Mädchen und Jungs stellten ihre beiden Stücke in der großen Besetzung vor der von Matthias angeleiteten Gruppe vor. Alle wussten nun um den Stand ihrer Probenarbeit und wir berieten gemeinsam, woran am nächsten Vormittag noch gearbeitet werden muss. 

 

Dritter Tag: Eine Präsentation vorbereiten und durchführen

Am letzten Tag hieß es, die Präsentation der Vortragsstücke vorzubereiten und dann vor den anderen Schülern der Schule aufzutreten. Die Fragen des Tages waren u.a. Wie stellen wir uns beim Auftritt auf? Wie organisieren wir den Auf- und Abgang von der Bühne? Wer richtet sich beim Spielen an wem? Wie gestalten wir den Soundcheck so, dass es für das Publikum nicht störend oder langweilig ist und sich zugleich jede/r hören kann?

Wie am Vortag besprochen, hatten als erstes die Schüler_innen aus der Gruppe von Matthias 30 Minuten, um ihr Stück noch einmal final zu proben. Wir nutzten die Zeit, um verschiedene Formen der Positionierung auf der Bühne durchzuexerzieren. Wer steht neben wem? Wer richtet sich an wem? Wer braucht noch Einsätze und wer gibt sie? Dann hatten auch wir 30 Minuten Probenzeit, um die letzten Unklarheiten zum Ablauf und der Spielweise der Stücke zu beseitigen. Anschließend gingen wir gemeinsam in die Caféteria der Schule, wo das Konzert stattfinden sollte. Dort hatten wir noch eine knappe Stunde, um die Technik aufzubauen, um für jeden einen guten Platz zu finden und schließlich um alles noch einmal unter den Bedingungen der Bühnen durchzuspielen. Gegen 11 Uhr kamen nun auch die anderen Projektgruppen hinzu, darunter eine Theatergruppe, ein Biologieprojekt und ein Backprojekt.

Der große Schulauftritt

Die Aufregung stieg, als es nun hieß, dass nun unsere Gruppen die Bühne betreten sollten. Meine Kompositionsgruppe positionierte sich wie besprochen und ich übernahm die Rolle des Moderators. Jede/r Spieler_in wurden vorgestellt, und die jeweilige Musikapp wurde angespielt. Damit konnte das Publikum sehen und hören, dass wir nicht nur Start und Stopp bedienen, sondern mit den iPads wie bei herkömmlichen Instrumenten auch spielen müssen. Der Vorteil des einzelnen Anspielens besteht nicht nur in der Würdigung jedes Mädchens und Jungen, zugleich bietet es auch Gelegenheit, um letzte Lautstärkeverhältnisse zu regeln. Und schließlich konnten wir außerdem das Publikum involvieren, das dann den Sound erraten musste. Wir begannen mit dem Stück der Mädchen, das nun offiziell »Rocky Beach« hieß, und spielten anschließend das von den Jungen komponierte »Rocky 100«.

Interessant ist nebenbei zu erwähnen, dass die Jungen sich am zweiten Tag schnell auf einen Titel einigten. »Rocky 100« ist damit eine Persiflage auf den Boxer, der ebenso dynamisch erlebt wurde, wie ihr eigener Song. Die Entscheidung für »Rocky Beach« fiel erst am letzten Tag. Den Titel wählten die Mädchen in Anlehnung an den Titel der Jungen, jedoch mit dem Unterschied, dass die Komposition der Schülerinnen nicht so ‘sportlich’, sondern eher ‘entspannend’ wie Feiertage wirken sollte, wie sie begründeten.

Der gesamte Auftritt beider Gruppen der Klasse wurde mit lautem Applaus und Zugaberufen vom Publikum gelobt. Die Mädchen und Jungen waren sehr stolz auf ihre Leistung, wie sie in der anschließenden Reflexion berichteten.  

 

Der Abschluss des Projektes

Nachdem wir das Konzert erfolgreich gemeistert hatten, versammelten wir uns mit den Schüler_innen im Klassenraum, um im Abschlussgespräch die letzten drei Tage zu reflektieren. Matthias und mir ging es besonders darum, dass alle ein Feedback erhalten können. Denn aus meiner Erfahrungen heraus, gibt es einige Pädagog_innen, die in solchen Abschlussgesprächen eher Schüler_innen ein Feedback geben, anstatt dem gesamten Projekt und damit den Schüler_innen und Anleitenden eine Rückmeldung zu geben.

Das Gute an Feedback-Gesprächen ist, dass vieles zum Vorschein kommt, das bisher nicht Thema gewesen war. So wünschten sich die Schüler_innen beispielsweise für das nächste Mal, gemeinsam als Großgruppe ein Stück zu musizieren. Weder in der Gruppe von Matthias, noch in meiner Gruppe wurde dieser Wunsch innerhalb der drei Tage angedeutet. Ob diese Idee erst im Anschluss an das Konzert entwickelt wurde, lässt sich nicht klären. Entscheidend ist jedoch, dass wir diese Musizierform, die ja auf das Erleben des Musizierens als Klasse abzielt, nicht im Blick hatten. Für ein nächstes Mal werden wir entsprechend planen. Wie man jedoch auch im Video sehen kann, gibt es Themen, die die Schüler_innen mitteilen, die uns helfen können, entsprechende Projekte noch lernerzentrierter zu gestalten.

Vielen Dank an alle Kinder der KLAX-Grundschule

 

Mehr über Musikprojekte mit Kindern und Jugendlichen: Bei app2music – Appmusik-AGs an Berliner Schulen machen regelmäßig Schüler_innen Musik -> app2music – Appmusik-AGs an Berliner Schulen

ist Musiker, Musikpädagoge sowie Workshopleiter in der Populären Musik und Appmusik. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin sowie an der Universität Erfurt. Er forscht und publiziert in den Bereichen Hochschulentwicklung, pädagogische Fort- und Weiterbildung, technologievermitteltes Musiklernen, kollektive Lernprozesse beim Musizieren in Schule und Hochschule sowie Lehrer_innenprofessionalisierung. In seiner Dissertation – einer systemisch-konstruktivistischen Grounded Theory Studie – untersuchte er selbstständige Lernprozesse von Schüler_innengruppen beim Musizieren von Popmusik.

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