Wie Apps die Musikwelt verändern – Podiumsdiskussion im KörberForum

Forschungsstelle Appmusik | 7. November 2015

»Ist es nicht besser, ein richtiges Instrument spielen zu lernen?« Solche Fragen werden uns immer wieder gestellt, wenn wir über das Musikmachen mit Apps sprechen. Aber viel spannender ist doch, welche neuen Arten gemeinsamen Musizierens die Apps auf den Smartphones und Tablets ermöglichen und wie dadurch Musik entsteht. Das eröffnet auch neue Wege für Musik auf der Bühne, im Unterricht und aus wissenschaftlicher Sicht.

Auch bei unserem Auftritt im KörberForum drehten sich die Gespräche auf und vor der Bühne um solche Fragen. Einige Aspekte wollen wir hier aufgreifen und um ein paar Argumente ergänzen.

Im Video spielen wir Pachelbels Kanon in D-Dur sowie ein Appmusikstück von Marc Godau, bei dem Michaeu da Silver über das Internet live mitspielt. In einem anderen Video erklären wir die verwendete Technik –> [Link].

Appmusik im Gesprächskonzert

Am 29.10.2015 waren wir, Matthias Krebs und Marc Godau, in mehreren Rollen zu Gast im KörberForum in Hamburg: als Musiker (DigiEnsemble_duo), Musikpädagogen und Wissenschaftler der Forschungsstelle Appmusik (FAM). Das Thema des Abends war die Frage danach, „wie Neue Medien die Musikwelt verändern“. Eingeladen von der Körber-Stiftung sprachen wir mit Axel Petri-Preis über unsere Perspektiven auf das Thema, spielten live zwei Stücke mit Apps auf der Bühne und sprachen über unsere musikpädagogischen Projekte mit Kindern und Jugendlichen (beispielsweise app2music bei der Fête de la Musique, Komponieren einer Olympiahymne und die Weiterbildung tAPP).

fam_appmusik_projekte2015

Wenn wir, wie in diesem Gesprächskonzert, auf der Bühne über Innovationspotentiale und Chancen sprechen, begegnen wir auf der anderen Seite immer wieder auch einer bewahrpädagogischen Haltung. Die Skepsis gegenüber neuen Technologien geht oft Hand in Hand mit der Angst, diese könnten traditionelle Musikinstrumente verdrängen. Wäre es nicht viel besser, ein richtiges Instrument zu erlernen?
So ähnlich sieht auch der Redakteur des Deutschlandfunks beim Musizieren mit Apps gerade bei Anfänger_innen folgende Gefahr:

Wenn es so einfach ist, mit ein paar Berührungen auf dem Touchscreen Musik zu machen, könnte die Bereitschaft, ein Instrument wirklich zu lernen, in Zukunft deutlich abnehmen.“ [Link]

Wir stehen außerdem immer wieder vor folgender Herausforderung: Wie können wir das iPad als Musikinstrument vorstellen, ohne dass es auf die Imitation anderer, herkömmlicher Instrumente reduziert wird?

iPads SIND Musikinstrumente

In unserer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigen wir uns verstärkt mit Fragen aus dem musikästhetischen Diskurs: Wann schätzen Menschen Appmusik als gelungen ein? Wir knüpfen außerdem an den musikpädagogischen Diskurs an: Geht das Musikmachen mit Apps wirklich intuitiv, wie von selbst? Es geht aber auch um Chancen und Risiken des Musizierens mit Apps für pädagogische Settings. Dass gelungene Praxisprojekte und musikalische Darbietungen kein abschließender Beweis für ausschließlich positive Auswirkungen auf die musikalische Praxis sind, sollte klar sein.

Unsere Standpunkte haben wir im Gespräch im KörberForum erläutert (Link siehe weiter unten) und wollen in diesem Artikel den Faden noch einmal aufnehmen und weitere Argumente ergänzen.

Erstens gibt es einen musikpädagogisch relevanten Unterschied zum herkömmlichen Musikunterricht: Die motorischen Schwierigkeiten beim Erlernen der Geige werden von Anfänger_innen als viel geringer wahrgenommen. Aus musikpädagogischer Sicht liegt darin ganz klar ein Vorteil, vor allem im Musikunterricht an Schulen, der oft nur einmal pro Woche und in sehr heterogenen Klassen unterrichtet wird.
Ein schnelleres Erlernen der Musiziertechnik bedeutet, dass man schneller über ästhetische Gestaltungskriterien sprechen kann. Im herkömmlichen Unterricht kommt dies oft aufgrund fehlender musikpraktischer Erfahrungen der Schüler_innen zu kurz.
Einige Fallbeispiele zeigen auch, dass Musikapps helfen können, dass Schüler_innen mit unterschiedlichen musikalischen Vorerfahrungen alle gemeinsam musizieren können. Natürlich können dabei auch Schüler_innen, die traditionelle Instrumente erlernt haben, auf diesen mitspielen. Grundsätzlich hängen erfolgreiche Lernprozesse freilich nicht nur von Apps, Smartphones oder Tablets ab, sondern vom konkreten didaktisch-methodischen Kontext.

Zweitens lohnt es sich, der Verdrängungsthese (iPads demotivieren zum Erlernen traditioneller Instrumente) genauer nachzugehen. Aus der historischen Entwicklung von Musikinstrumenten kann man ebenso argumentieren, dass auch etwa die Violine, das Saxophon oder der analoge Synthesizer jeweils Technologien darstellen, mit denen neue musikalische Umgangsformen möglich wurden.

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Gesprächskonzert im KörberForum: Matthias Krebs (links), Mar Godau (mitte) und Axel Petri-Preis (rechts) im Gespräch über Appmusikprojekte mit Kindern und Jugendlichen.

Auch mobile Digitalgeräte sind Technologien, also Instrumente, mit denen auf andere Art und Weise Musik gemacht werden kann. Dabei nun gleich von Verdrängung zu sprechen, ist fragwürdig.

Drittens spricht die Erfahrung sowohl aus künstlerischen als auch pädagogischen Projekten dafür, dass Instrumentalist_innen es eher ablehnen, ihr Hauptinstrument durch eine App zu ersetzen. Nachbildungen und Klänge lehnen sie meistens ab. Was sie am Appmusizieren reizt, ist vielmehr die Möglichkeit des Umgangs mit anderer Musik als die ihrer herkömmlichen Praxis (statt klassischer nun elektronische Musik) oder die neue Umsetzung bekannter Musik (etwa Pachelbel-Kanon auf iPads). Interessant sind vor allem die Veränderungen, die durch das andere Instrumentarium entstehen.

Aus der Perspektive als aktive Appmusiker ist viertens das Musikmachen mit Apps keineswegs leichter, weil auch dabei Spielweisen geübt, Einstellungen für den richtigen Klang gefunden und musikalische Expertise entwickelt werden müssen. Wie bei anderen Musikinstrumenten erfordert auch die Verwendung von Musikapps spezifische Fertigkeiten. Das Spiel mit Musikapps muss wie bei jedem anderen Instrument geübt werden und man kann sie auf niedrigem oder hohem Niveau beherrschen. Und wie bei jedem anderen Instrument gilt, dass die Umsetzung von bestimmten musikalischen Ideen mit manchen Instrumenten einfacher und mit dem anderen komplizierter ist. Das schließt Musikapps als Musikinstrument mit ein.

Alles in allem zeigten der gelungene Abend und die Auseinandersetzungen mit dem Thema, welche Fragen in Zukunft wichtig werden und wie vielfältig das Spektrum des Musikmachens mit Apps ist. Zumindest sollte jede/r Zuschauer_in eine Ahnung davon bekommen haben, dass das Musizieren mit Tablets und Smartphones viel mehr ist, als nur ein musikalisches Spielzeug, das Kinder und Jugendliche dazu motivieren könnte, irgendwann vielleicht ein „richtiges Instrument“ zu erlernen. Vielmehr bietet das Medium Musikapp ein Instrumentarium, das neue Spielweisen ermöglicht: eine neue Art des Musizierens, neue Wege, den Klang zu beeinflussen. Und damit wird letztlich auch eine andere Musik ermöglicht.

Vielen herzlichen Dank an Axel Petri-Preis und das Team der Körber-Stiftung.

Die gesamte Veranstaltung kann hier in der Mediathek angeschaut werden.

Infos zur Veranstaltung:

KörberForum veranstaltet von der Körber-Stiftung

Schwerpunkt: »Für Musik begeistern«.

Ort: Kehrwieder 12 20457 Hamburg

Gäste: DigiEnsemble_duo, Thomas Hummel, Axel Petri-Preis

Die Forschungsstelle Appmusik am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin beschäftigt sich mit der systematischen Erfassung des Phänomens Appmusik sowie den resultierenden pädagogischen Implikationen dieser veränderten musikalischen Praxis.

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