Mobiles Lernen – Begriffsystematik

Marc Godau | 20. November 2014

Je mehr wir uns mit den Thematiken rund um das Musizieren und Musiklernen mit Apps beschäftigen, desto dringender scheint es, verwendeten Begriffen einen angemessenen Platz einzuräumen. Dies ergibt sich u.a. durch die derzeitige intensive Auseinandersetzung mit den thematischen Rahmung des Feldes innerhalb des BMBF-geförderten Projektes TOUCH:MUSIC. Es schien uns notwendig, damit a) die einzelnen Blogbeiträge nicht unangemessen lang werden und b) die Begriffe wiederum nicht bis zur Unkenntlichkeit zu verkürzen und jeweilige Diskurse zu leugnen. Für unsere Zwecke sind keine Blogbeiträge nützlich, die etablierte Begriffe entweder der besseren Lesbarkeit wegen einfach weglassen oder so komplex geschrieben sind, dass eben nur noch informierte Leser_innen daran partizipieren können.

Deshalb wird hier der Versuch unternommen, diejenigen Begriffe, die wir als wichtig für unsere Arbeit erachten, vorzustellen. Auch hierbei gilt, dass der Raum für Diskussionen weiter offen bleibt. Es bleibt eben ein heikles Unterfangen, wenn man Begriffe zu begreifen versucht. Schnell entsteht der Anschein, als handele es sich damit um Setzungen. Das Gegenteil ist der Fall: Unser Verständnis erhebt keinen Anspruch, wie etwa ein Lexikonbeitrag zu wirken. Dargestellt wird der derzeitige Stand verschiedener Erkenntnisse; nicht mehr und nicht weniger.

Mindmap zu den inhaltlichen Verknüpfungen der Diskussion um das mobile Lernen

Mindmap zu den inhaltlichen Verknüpfungen der Diskussion um das mobile Lernen

Was ist so mobil am Mobilen Lernen?

Wer sich mit Fragen auseinandersetzt, wie das Musiklernen von Menschen mit Smartphones oder Tablets beschrieben oder unterstützt werden kann, stößt bald auf den Begriff des Mobilen Lernens bzw. M-Learning bzw. mobile learning. Gelegentlich wird sogar von der Lernform des sogenannten Homo Mobiles gesprochen. Laut der Trendstudie MMB Learning Delphi 2013 gilt das Mobile Lernen sogar als erfolgsversprechendste Form des Lernens.

Da auch wir bereits in einigen Artikeln das Mobile Lernen angesprochen haben, wird es nun Zeit, sich dieser Thematik zu stellen. In einer neuen Reihe von Artikeln wollen wir uns mit diesem Phänomen und den einhergehenden Fragestellungen auseinandersetzen, die sich unter diesem Begriff zusammenfassen lassen.

 

Mobiles Lernen als ein Oberbegriff

Mobiles Lernen steht in enger Verbindung mit anderen nicht weniger schwierigen Begriffen wie e-learning, ubiquitäres (allgegenwärtiges) Lernen, situiertes Lernen, informelles vs. formales Lernen, seemless learning oder blended learning. Einige davon sollen ebenfalls in der nächsten Zeit vorgestellt werden. Die Unterscheidung ergibt sich durch das Attribut »mobil«, das auf eine Beweglichkeit oder Dynamik in Beziehung mit dem Lernen verweist.

 

Mobiles Lernen als unklarer Begriff

Gibt man “Mobiles Lernen” bei google ein, so erscheint noch vor dem Wikipedia-Artikel eine Leasing Firma, die sich unter dem Namen Mobiles Lernen auf den Verleih von hochwertigen Notebooks und Tablets (vorzüglich Apple-Produkte) an Schulen spezialisiert hat. Auf der Seite findet man zwar keine Erklärung für diese Namensgebung, aber es werden Prämissen wie “GLEICHE NOTEBOOKS / TABLETS FÜR DIE SCHÜLER EINER KLASSE” aufgestellt. Dies erinnert an den bereits vorgestellten Top-Down Ansatz, der nach Judith Seipold die Herstellung einer möglichst gleichberechtigten Lernsituation durch Bereitstellung der Technologien beschreibt. Also die Förderung des Mobilen Lernens durch Bereitsstellung mobiler Technologien.

Was ist nun aber mobiles Lernen?

Bei Wikipedia wird eine Definition angeboten, die unter dem Stichwort M-Learning “das Lernen mit portablen ubiquitären Medien bzw. mobilen Medien überall und zu jeder Zeit” meint. Sprich: es geht um das Lernen, das in der Verbindung mit der mobilen Devices geschieht. Seit der Einführung von Smartphones und Tablets ist die Möglichkeit, etwa mithilfe des Internets jederzeit an jedem Ort zu lernen, gestiegen.

 

Die derzeitige Begriffsausrichtung

Einen anderen Anhaltspunkt liefert die Definition der London Mobile Learning Group:

“Mobile learning […] is not about delivering content to mobile devices but, instead, about the processes of coming to know and being able to operate successfully in, and across, new and ever changing contexts and learning spaces. And, it is about understanding and knowing how to utilise our everyday life-worlds as learning spaces. Therefore, in case it needs to be stated explicitly, for us mobile learning is not primarily about technology.”

Mobiles Lernen wird hiernach nicht (mehr) in ausschließlicher Verbindung mit mobilen Technologien definiert. Zu verzeichnen ist eine inhaltliche Verlagerung von der Konzentration auf die Mobilität der Technologien hin zur Mobilität des Lernenden. Und so formuliert auch Claudia de Witt:

“Während noch vor wenigen Jahren die meisten Definitionen von Mobile Learning ihren Schwerpunkt auf die Technologien legten […], setzen neuere Definitionen immer häufiger am Nutzer an […]. Dabei steht die Frage des Lernkontextes im Vordergrund, der Artefakte, Subjekte und Objekte in einen inhaltlichen Zusammenhang bringt. Der Begriff Kontext bezieht sowohl die technologischen als auch die didaktischen Faktoren und bildet […] vereinfacht die Lernumgebung bzw. den Ort, an dem das Lernen stattfindet.” (de Witt, Claudia 2013, S.16)

Einen Schritt weiter gehen Kerstin Mayrberger und Patrick Bettinger (2014), wenn sie darüber hinaus die Vorzüge der Erleichterung der Kommunikation zwischen Lernenden und Lehrenden durch die intuitive Bedienbarkeit der Geräte hervorheben. Mobiles Lernen nimmt nicht nur das individuelle, sondern das interpersonale Lernen durch Kommunikation (online oder face-to-face) und Kooperation in den Blick. Und so plädieren sie dafür, “das didaktische Konzept mobilen Lernens mit Blick auf die Lernenden und deren soziale, kognitive und virtuelle Vernetzung in das Zentrum zu rücken, und nicht nur die Technologie.” (Mayrberger/ Betinger 2014, S.158)

 

Ein überflüssiger Begriff?

Auf den ersten Blick bereitet eine solche Begriffsbestimmungen wohl eher Probleme als Verbesserungen: Mit einer starken Zentrierung auf mobile Technologien hatte man vormals den Vorteil, deren Vorzüge für Lernsituationen zu markieren. Zu fragen wäre dann, was mit einer einzelnen Musikapp gelernt werden kann. Nun jedoch könnte der Begriff des »Mobilen Lernens« als überflüssig, als durch Reduzierung auf »Lernen« ersetzbar gelten. Denn Lernen ist doch immer schon mobil. Wir lernen in jedem Kontext (siehe → informelles Lernen), indem wir uns bewegen; sei es in der U-Bahn, mit Freunden, zuhause, in der Schule oder im Urlaub etc.

Dass ein Festhalten am Mobilen Lernen lohnt, begründet sich in den bereits vorgestellten Beispielen wie der Schwierigkeit der Implementierung in den Unterricht. Die Forderung in allen Kontexten Mobiles Lernen zu fördern wird damit mehr als nur zu einer begriffstheoretischen Auseinandersetzung. Dies bezeugen Beobachtungen wie die, dass die Vorzüge mobiler devices im Alltag von Lehrenden sowie von Lernenden in formalen Settings (z.B. Unterricht) selten bis gar nicht genutzt wird. Konkret bedeutet dies, dass z.B. viele Kinder und Jugendliche in ihrem Alltag mit Smartphones selbstständig lernen, dies jedoch nur auf einige, relevant behandelte Apps beschränkt ist.(vgl. Santos/ Ali 2011) Im Unterricht ist es oft andersherum. Dort erscheinen sie nicht selten als völlig unselbstständig, indem sie nicht auf ihre vorhandenen Kompetenzen zurückgreifen bzw. über diese verfügen (siehe → situiertes Lernen). Denn auch im Unterricht wird selten mit digitalen Medien gearbeitet, mit denen die Lernenden bereits kompetent umgehen.

 

Relevanz des Mobilen Lernens

Mobiles Lernen kann daher als Versuch verstanden werden, der Verbindung des Lernens in unterschiedlichen Kontexten mittels mobiler Technologien zu beschreiben. In Anbetracht der gegenwärtigen Diskussion um das Lebenslange Lernen (siehe → Lebenslanges Lernen) ist mobiles Lernen dabei nicht nur eine (medien- oder musik)pädagogische Zielsetzung, sondern auch Bedingung gesellschaftlicher Partizipation. Denn die gegenwärtige Gesellschaft kennzeichnet sich durch den steten Umgang mit unvorhersehbaren Lernsituationen. Kinder und Jugendliche wachsen in einer Situation auf, in der Gelerntes in kaum vorhersehbarer, aber absehbarer Weise überholt ist. Was heute gilt, ist morgen schon veraltet. Auch (hoch)schulische Abschlüsse sichern keinen Wissensbestand mehr.

In der Folge verbindet sich im Mobilen Lernen ein Bestreben, die Vorzüge des Lernens mit mobilen Technologien und Kommunikationsmedien mit dem schulischen und außerschulischen Lernen (informelles und formales Lernen) zu verquicken.

“Dabei ergibt sich u. a. die Anforderung, didaktische Szenarien entsprechend zu gestalten, die neben den klassischen Elementen, wie Kompetenzen (Inhalte, Methoden), Ziele und Interaktionen, auch die Co-Lernenden/Peers und Lehrenden in ihren veränderten Rollen im Blick haben sowie in besonderer Weise die unterschiedlichen Kontexte, in denen Lernen nun stattfinden kann.” (Mayerberger/ Bettinger, S.159)

Ob dafür eine spezifische Didaktik des Mobilen Lernens nötig sei, wird allerdings von den Autoren bezweifelt. Anderenorts wird vielmehr das Ziel der “Integration und Orchestrierung von mobilen Technologien in durchgängigen Lernunterstützungsmodellen” vorgeschlagen. (Specht/Ebner/Löckner 2013)

 

Wie mobil ist mobiles Lernen?

Um die Anfangsfrage aufzugreifen, bedeutet zusammenfassend Mobiles Lernen:

  • Mobilität in der (Uhr-)Zeit und Dauer des Lernens (Wann und wie lange lerne ich?)
  • Mobilität innerhalb der Kontexte (Lerne ich außerhalb oder innerhalb der Schule, geplant oder nicht vorstrukturiert, während des Unterrichts, im Bus, im Zimmer oder im Urlaub? etc.)
  • Mobilität hinsichtlich der Sozialform (Lerne ich allein oder zusammen mit anderen?)
  • Mobilität in Bezug auf die Technologien (Wie nutze ich mobile Devices? Wie verwende ich die Vorzüge von Smartphones oder Tablets wie Apps, Internetseiten oder Sensoren für das Lernen?)

Literatur und Links

de Witt, Claudia 2013): Vom E-Learning zum Mobile Learning – wie Smartphones und Tablet PCs Lernen und Arbeit verbinden. In: de Witt, Claudia/ Sieber Almut (Hrsg): Mobile Learning. Potenziale, Einsatzszenarien und Perpektiven mit mobilen Endgeräten, Wiesbaden: Springer VS, S.13-26

Theo Hug (2010): Mobiles Lernen. In: Kai-Uwe Hugger Markus Walber (Hrsg.): Digitale Lernwelten. Konzepte, Beispiele und Perspektiven. Wiesbaden: Springer, S.193-212

Mayrberger, Kerstin/ Bettinger, Patrick (2014): Entgrenzung akademischen Lernens mit mobilen Endgeräten Nutzungspraktiken Studierender in ihrer persönlichen Lernumgebung. In: Kammerl, Rudolf / Unger, Alexander/ Grell, Petra/ Hug, Theo (Hrsg.): Jahrbuch Medienpädagogik 1. Diskursive und produktive Praktiken in der digitalen Kultur, Wiesbaden: Springer, S.155-172

Rummler, Klaus (Hrsg.)(2014): Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken, Münster: Waxmann 

Santos, Ieda M.  & Ali, Nagla (2011): Exploring the uses of mobile phones to support informal learning. In: Education and Information Technologies, Volume 17(2), S. 187-203

Specht, M., Ebner, M. & Löcker, C. (2013). Mobiles und ubiquitäres Lernen. Technologien und didaktische Aspekte. In M. Ebner & S. Schön (Hrsg.), Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien (S. 217–225). Berlin: epubli.

Thyssen, Frank: Warum Mobiles Lernen? (Blogbeitrag)

Informationen zum Verbundsprojekt Mobile Learning (BMBF)

http://www.teachthought.com/technology/12-principles-of-mobile-learning/

http://jadin.eu/weblog/?page_id=73

https://eleed.campussource.de/archive/9/3704

http://mobilelearning.npage.de/definitionen.html

http://www.zora.uzh.ch/73210/1/Mobiles_Lernen_finalweb.pdf

https://de.scribd.com/doc/33758003/Stoller-Schai-2010-Mobiles-Lernen-die-Lernform-des-Homo-Mobilis

ist Musiker, Musikpädagoge sowie Workshopleiter in der Populären Musik und Appmusik. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin sowie an der Universität Erfurt. Er forscht und publiziert in den Bereichen Hochschulentwicklung, pädagogische Fort- und Weiterbildung, technologievermitteltes Musiklernen, kollektive Lernprozesse beim Musizieren in Schule und Hochschule sowie Lehrer_innenprofessionalisierung. In seiner Dissertation – einer systemisch-konstruktivistischen Grounded Theory Studie – untersuchte er selbstständige Lernprozesse von Schüler_innengruppen beim Musizieren von Popmusik.

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