Diskursforschung als philosophische, metaphysikkritische Lesart oder als sozialwissenschaftlich-empirischer Ansatz mit methodologischer Ausrichtung?

Matthias Krebs | 16. Mai 2022

Diskussionsbeitrag zur Frage, ob und wie Diskursanalysen methodologisch orientiert und durch die Nutzung methodischer Werkzeuge aus der qualitativen Sozialforschung ergänzt werden können. [Dieser Beitrag als pdf.]

Akteur*innen von Forschungsstilen verfolgen die Strategie einer Stabilisierung ihrer wissenschaftlichen Vorgehensweise hin zu einem für sich und Andere greifbaren Forschungsprogramm – wobei dies natürlich nie abgeschlossen sein kann. Auch die Diskursforschung hat in diesem Prozess einerseits mit Skepsis von Vertreter*innen anderer Forschungsrichtungen sowie mit kontroversen Debatten innerhalb der eigenen Disziplin umzugehen. Im Fokus steht hierbei, vor allem angesichts der poststrukturalistischen Ausrichtung der Diskurstheorie, die kontrovers geführte Debatte über das ob und wie einer Methodisierung, die mir auch in der musikpädagogischen Diskursforschung stark präsent zu sein scheint.

Eine Einführung in die Diskurstheorie/-forschung kann dieser Beitrag nicht leisten. Verwiesen sei dazu auf z. B. Keller (2011), Jäger (2015) und Landwehr (2018). –> Ein erläuternder diskurstheoretischer Beitrag von Matthias Krebs zur Frage: Wie begründen Musikschullehrkräfte den Einsatz von digitalen Technologien im Vokal- und Instrumentalunterricht?

Diskursforschung zeichnet sich durch eine starke Rückbindung an das Analyseprogramm von Foucault aus, dass die Untersuchung von Macht/Wissen-Komplexe (Fink-Eitel 1992: 79) ins Zentrum stellt. Foucault hinterließ jedoch in seinem Verzicht auf die Explikation empirisch-methodischer Vorgehensweisen eine Leerstelle, die in den anschließenden theoretischen Modifikationen und Ergänzungen seiner Diskursperspektive nicht gefüllt wurden.

Diese Leerstelle lässt sich besonders deutlich an der in der Soziologie geführten Disput nachzeichnen: Während Diskursanalysen und theoretische Überlegungen, die strenger an Foucaults Archäologie anschließen, auf die Rekonstruktion des Gelingens diskursiver Sinnstiftung abzielen und diese methodologisch streng reflektiert zu analysieren versuchen (vgl. z. B. Wrana 2012/2014a, Diaz-Bone 2005/2006/2010, Keller 2011), fokussieren andere Autor*innen wie z. B. Stähli (2000), Sarasin (2003), Bröckling (2007) und Feustel (2010) aus einer metaphysikkritschen Theorieperspektive den Blick eher auf konstruktives Scheitern, auf irreduzible Grenzen und Brüche und damit auf das Potenzial für Bedeutungsverschiebungen und lehnen Methoden teilweise sogar explizit ab.

„Diskursanalyse beziehungsweise Diskurstheorie ist keine Methode, die man ›lernen‹ könnte, sondern sie erscheint mir eher als eine theoretische, vielleicht sogar philosophische Haltung“ (Sarasin 2003: 8).

Bereits in den 70er Jahren hatte eine philosophische, methaphysikkritische Foucault-Rezeption eingesetzt. Der Untersuchungsgegenstand „Sprache“ (verstanden als ein produktives Missverständnis) mache die Methodisierung in der Diskursforschung herausfordernd – wenn nicht gar unmöglich. Prämisse: Nur weil Sprache konstitutiv instabil ist und Bedeutungen nicht abschließend fixierbar sind, ergibt sich die Möglichkeit des Sprechens. Dieser unkontrollierbare (nicht fixierbare) Überschuss gehe in einer methodischen Konkretisierung von Forschungspraktiken verloren. Aus dem Scheitern diskursiver Sinnstiftung ergebe sich dieser Position zufolge das Zurückweisen jeglicher Methodisierung, was auch einen ganz entscheidenden Unterschied zu herkömmlichen Methoden qualitativer Sozialforschung ausmache (vgl. Feustel, in Feustel et al. 2014: 491). Ein so verstandener Dekonstruktivismus (anknüpfend an Derida), der eine Dezentrierung des Subjekts sowie eine Präsenzkritik beinhaltet, wird als eine kritisch-interpretatorische Analyseform verstanden. Sie besteht darin, einen Text „von innen her“ darauf hin zu lesen, welche implizite Präsenz unterstellt wird – im Sinne einer symptomatischen Lektüre. Untersuchende versuchen also zu zeigen, wie Autor*innen etwas in ihren Texten konstruieren, ohne es selbst zu bemerken. Versuche einer Methodisierung (vgl. z. B. Landwehr 2001, Jäger 2009), die auf die Analyse der Sprache setzten, werden aus dieser metaphysikkritischen Position als sprachorientierte, linguistische Verkürzung abgetan.

Regel- und Formationssystem im Anschluss an Michel FOUCAULT nach DIAZ-BONE (1999, S.125).

Seit Anfang der 2000er gewinnt eine eher sozialwissenschaftlich-empirisch ausgerichtete Diskursforschung mit methodologischer Ausrichtung an Bedeutung (vgl. Keller 2011; Diaz-Bone 2005/2006; Wrana 2014b). Sprache fungiert hier als eine Realitätsebene der Untersuchung – verstanden als diskursive Praxis –, die in Studien zur Gouvernementatlität konzeptualisiert wird. Untersuchungsgegenstand sind in der Erziehungswissenschaft einerseits das Sprechen über Erziehung und Bildung (z. B. auf der bildungspolitischen Ebene) und andererseits das Sprechen über Lern- und Bildungsprozesse, über das eigene Ich oder das der anderen und dessen Entwicklung (z. B. von Musiklehrkräften an Schulen). Hierbei geht es nicht darum, den Diskurs als omnipotentes Gefüge zu rekonstruieren, das den Subjekten ihre Wahrheit diktieren würde, sondern diesen als Struktur von machtvollen und marginalisierten Strängen nachzuzeichnen und Kämpfe, um Deutungshoheiten zu kartografieren. Damit verbunden sind Vorschläge, Diskursanalyse als Forschungsprogramm zur Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse zu verstehen, die auf unterschiedlichen theoretischen Positionen aufbauen und verschiedene Methoden der qualitativen Sozialforschung nutzen.

Ich teile die Einschätzung, dass Diskursforschung nicht eine festgelegte (linearisierte) und einheitliche theoretische Basis mit methodischen Regeln sein kann. Gleichzeitig stehen Forschende in der Pflicht, konkrete methodische Verfahren benennen zu müssen, wollen sie nicht in der Sackgasse einer nicht expliziten ›Irgendwie-Methodologie‹ landen (vgl. Wedl, in: Feustel et al. 2014: 484). Die Methodenskepsis führt jedoch praktisch zu verschiedensten Problemlagen in der angewandten Forschung; die Weigerung, sich in einer lebendigen Methodendiskussion zu verorten, erschwert das Zustandekommen einer fachlichen Diskussion in der praktische Methodisierungen miteinander ins Gespräch gebracht werden. Dass es viele Möglichkeiten für die Entwicklung einer Methodologie gibt, heißt nicht, dass es beliebig ist, wie man forscht. Sicher kann ein Dialog von Akteur*innen der Diskursforschung mit qualitativen Forschenden der im Rahmen des geplanten Forums des Arbeitskreises QFM (AMPF 2022) das Verständnis von Verfahren und zugrundeliegenden Theorien der verschiedenen Methodologien erleichtern und lassen sich vielleicht auch vermeintlich sichere Konventionen identifizieren und hinterfragen.

Ansätze wie die interpretative Analytik nach Keller (2005) sowie nach Diaz-Bone (2010) beziehen nicht zuletzt in die Analyse und zur Rekonstruktion von Diskursformationen beispielsweise die Verwendung von Kodierungsstrategien und die zyklische Auswertungsstrategie in Anlehnung an die Vorgehensweise der Grounded Theory Methodology ein. Diese Vorgehensweise werden als Metaphysiken diskurstheoretisch reflektiert und kontrolliert umgearbeitet (vgl. Diaz-Bone 2010) – ein erst entstehendes Terrain der Foucaultschen Diskursforschung.

Vor diesem skizzierten Hintergrund an methodologischen Herausforderungen und mit dem Wunsch nach einer kritisch-reflexiven Methodendiskussion lade ich herzlich dazu ein, Berührungspunkten und Unterschieden verschiedener theoretischer Paradigmen im Dialog nachzuspüren, und damit letztlich mögliche Forschungsansätze weiter auszudifferenzieren.

Matthias Krebs

Literatur:

Bröckling, U. (2007). Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Suhrkamp.

Diaz-Bone, R. (2005). Die ‚interpretative Analytik‘ als rekonstruktiv-strukturalistische Methodologie. Bemerkungen zur Eigenlogik und strukturalistischen Öffnung der Foucaultschen Diskursanalyse. In R. Keller (Hrsg.): Die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit. Zum Verhältnis von Wissenssoziologie und Diskursforschung (S. 179–197). UVK.

Diaz-Bone, R. (2006). Zur Methodologisierung der Foucaultschen Diskursanalyse. Historische Sozialforschung, 31(2), 243–274.

Diaz-Bone, R. (2010) [2002]. Kulturwelt, Diskurs und Lebensstil. Eine diskurstheoretische Erweiterung der Bourdieuschen Distinktionstheorie. Springer VS.

Fink-Eitel, H. (1992) [1989]: Michel Foucault zur Einführung. Junius.

Feustel, R. / Keller, R. / Schrage, D. / Wedl, J. & Wrana, D. (2014). Zur method(olog)ischen Systematisierung der sozialwissenschaftlichen Diskursforschung. Herausforderung, Gratwanderung, Kontroverse. In J. Angermuller, M. Nonhoff, E. Herschinger, F. Macgilchrist, M. Reisigl, J. Wedl, D. Wrana & A. Ziem (Hrsg.), Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch (S. 482–506). Transcript.

Feustel, R. (2010): »Off the Record«. Diskursanalyse als die Kraft des Unmöglichen. In R. Feustel & M. Schochow (Hrsg.): Zwischen Sprachspiel und Methode. Perspektiven der Diskursanalyse (S. 81–98). Transcript.

Jäger, S. (2009). Kritische Diskursanalyse. Unrast-Verlag.

Keller, R.  (2011). Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms. Springer VS.

Landwehr, A. (2001). Geschichte des Sagbaren. Einführung in die historische Diskursanalyse. edition diskord.

Sarasin, P. (2003). Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse. Suhrkamp.

Stäheli, U. (2000). Poststrukturalistische Soziologien. Transcript.

Wrana, D. (2012). Theoretische und methodologische Grundlagen der Analyse diskursiver Praktiken. In D. Wrana & C. Reinhard (Hrsg.): Professionalisierung in Lernberatungsgesprächen. Theoretische Grundlegungen und empirische Untersuchungen (S. 195–214). Budrich.

Wrana, D. / Ott, M. / Jergus, K. / Langer, A. & Koch, S. (2014a). Diskursforschung in der Erziehungswissenschaft. In J. Angermuller, M. Nonhoff, E. Herschinger, F. Macgilchrist, M. Reisigl, J. Wedl, D. Wrana & A. Ziem (Hrsg.), Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch (S. 224–238). Transcript.

Wrana, D. (2014b). Diskursanalyse jenseits von Hermeneutik und Strukturalismus. In J. Angermuller, M. Nonhoff, E. Herschinger, F. Macgilchrist, M. Reisigl, J. Wedl, D. Wrana & A. Ziem (Hrsg.), Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch (S. 511–536). Transcript.


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