Appmusik-Projekte in der Praxis (2)

Marc Godau | 22. September 2014

— Musikapps außerhalb der Schule —

In der Entwicklung unseres Projektvorhabens TOUCH:MUSIC (BMBF) sehen wir es als wichtig an, Akteure und Akteurinnen aus unterschiedlichen appmusikalischen Kontexten zu recherchieren. Dass dies heutzutage nicht mehr nur vereinzelt Ergebnisse hervorbringt, sollte vielen bereits klar sein. Jedoch besteht in der Beobachtung pädagogischer Praxen mit Musikapps ein Defizit. In Form dieser Blogartikel-Serie sollen regelmäßig Musikprojekte von Akteur_innen aus unterschiedlichen appmusikalischen Kontexten vorgestellt werden.

Im Gegensatz zum ersten Beitrag, der Schulprojekte beleuchtete, beschäftigt sich dieser zweite Beitrag zum Thema musikpädagogischer Praxis mit Apps näher mit drei Projekten außerhalb formaler Kontexte. Die Rede ist also von Projekten mit Kindern und jugendlichen außerhalb der Schule, in Workshops oder im Rahmen der offenen Jugendarbeit.

 

Giesing Beatz – Voice und Apps im Jugendtreff

Der Soziologe und Medienpädagoge Ulrich Tausend arbeitet im Projekt Giesing Beatz aus der Projektreihe “Local Beatz”. Als “offenes Angebot mit niedrigschwelligem Zugang” fand es Mitte Juni 2014 in München statt.

Giesing beatz

Flyer für das Appmusik-Projekt Giesing Beatz 2014

Hauptziel war und ist die musikalische Auseinandersetzung von Jugendlichen mit ihrer eigenen Lebenswelt unterstützt von lokalen Künstler_innen (Rapperin Ebow-X und den Produzenten Nik Le Clap und BoxBeat) und mit mobilen Digitalgeräten. Im vorgestellten Fall das Leben im Münchener Stadtteil Giesing.
Innerhalb eines viertägigen Workshops wurden unter Zuhilfenahme von Smartphones und anderen Aufnahmegeräten Geräusche, Klänge und Sounds als Grundlage für den Beat eines zu komponierenden Hip-Hop-Songs gesammelt. Genutzt wurde dazu die App iMachine. Eingeteilt in Gruppen arbeiteten einige Jugendliche an der Zusammenstellung des Beats und andere am Verfassen eines Textes, der den Alltag in Giesing künstlerisch verarbeitet. Die Ergebnisse wurden zusammengetragen und der Song vervollständigt, indem die Jugendlichen anschließend zum Beat den Text einsangen bzw. rappten.

Das hier zu sehende Video ist das fertige Ergebnis des viertägigen Projektes und beinhaltet zudem das selbst gedrehtes Video- und Fotomaterial der Teilnehmer_innen.

Weitere Links:

 

Rhythm.iOS – iPads in der Evangelischen Jugendarbeit

In der Evangelischen Jugend im Dekanat Ingelheim am Rhein leitet der Referent Tobias Albers-Heinemann das Appmusikprojekt Rhythm.iOS. In Form von Workshops oder offenen Jamsessions soll Jugendlichen die Gelegenheit geboten werden, auf iPads das Musizieren mit Apps auszutesten.

Das Video zeigt Ausschnitte eines Rhythm.iOS-Workshops aus dem Jahr 2013. Wie zu sehen konzentriert sich die musikalische Arbeit des Anleiters zunächst auf die App GarageBand, zu der übrigens von Tobias Albers-Heinemann eigens für die Jugendarbeit ein Video-Tutorial [LINK: http://youtu.be/QsCUidFrAq8] erarbeitet wurde.
Leider kann man derzeit im Internet nur einen kleinen Einblick in die Arbeit von Rhythm.iOS erhalten, dabei wäre es spannend neben methodischen Aspekten der Musikvermittlung besonders auch mehr zur Verbindung zwischen Zielen der musikbezogenen Medienpädagogik und der Jugendarbeit des evangelischen Dekanats mehr zu erfahren.

Rhythm.iOS

Jugendliche aus Jugenheim musizieren mit Musikapps im Rhythm.iOS-Workshop.

Weitere Links:

 

talentCAMPus 2014 – Ein Ferienkurs mit Apps

Die Berliner Künstlerin siz.da leitet seit einiger Zeit das Projekt Touching Music, das die künstlerische Förderung von Schüler_innen durch kompositorisches musikalisches Arbeiten verfolgt. Touching Music versteht sich als Ergänzung zum Musikunterricht mit dem Anspruch, die dort vernachlässigte „Verbindung von Musik und Technologie, der Basis populärer Musikkulturen“, aufzuarbeiten.
Im Rahmen von talentCAMPus 2014, einem Ferienbildungsprogramm, das sich primär an Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Milieus richtet, leitete die Künstlerin einen fünftägigen Workshop im Mehrgenerationenhaus Phoenix des Mittelhof e.V. (Steglitz-Zehlendorf Berlin). Die Besonderheit von talentCAMPus besteht in der Verbindung von Lernzielorientierung und freien Angeboten in der Kulturellen Bildung. Im Programm ein Angebot zum Musikmachen mit Apps: Darin musizierten Mädchen und Jungen an insgesamt 5 Tagen für je zwei Stunden auf iPads.

Das Video zeigt einen Ausschnitt einer Probe. Neben dem freien Austesten verschiedener Musikapps wurde in der Gruppe ein Song erarbeitet, der schließlich beim Abschlusskonzert vor den Eltern präsentiert wurde.

Link: Blogbeitrag über den Appmusik-Workshop im Rahmen von talentCAMPus 

Anders als in den beiden ersten Projekten erfährt man in anderen Blogartikeln von siz.da einiges über das Vorgehen in den Proben wie beispielsweise gemeinsame Diskussionen über musikalische Entscheidungen.

 

Ausblick

Die drei Beispiele zeigen bereits ein Spektrum der Einbeziehung mobiler Digitalgeräte in außerschulische Bildungsangebote. Sei es durch Kompositionen, Jamsessions oder das Nachspielen von Musik. Vereinend scheint jedoch das partizipative Moment in alle drei Angeboten zu sein: Obwohl die Teilnehmenden zwar eigene Geräte nutzen können, liegt der Fokus auf der Ermöglichung eines Zugangs für jede/n.
Da der Großteil der bisher untersuchten Projekte Apple-Geräte nutzt, stellt sich natürlich die Frage nach der Finanzierung. Wie beschaffen sich derartige Bildungsangebote all die Geräte? Welche Möglichkeiten gibt es? Und wie steht es um die Nutzung verschiedener Apps auf verschiedenen Geräten aus?
Interessant wären in einem nächsten Schritt auch Projekte, die mit eigenen Geräten Musik machen, sei es als Ensemble oder als Projekt.

All diese Fragen versuchen wir nun durch weitere Recherchen und durch Kontaktieren der Veranstalter_innen einiger im Internet weniger präsenter Projekte herauszufinden. Daneben nehmen wir auch gern Hinweise entgegen: Wer kennt ähnliche oder ganz gegensätzliche Appmusik-Projekte? Hinweise gern im Kommentarfeld unten oder per Mail über das Kontaktformular.

ist Musiker, Musikpädagoge sowie Workshopleiter in der Populären Musik und Appmusik. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin sowie an der Universität Erfurt. Er forscht und publiziert in den Bereichen Hochschulentwicklung, pädagogische Fort- und Weiterbildung, technologievermitteltes Musiklernen, kollektive Lernprozesse beim Musizieren in Schule und Hochschule sowie Lehrer_innenprofessionalisierung. In seiner Dissertation – einer systemisch-konstruktivistischen Grounded Theory Studie – untersuchte er selbstständige Lernprozesse von Schüler_innengruppen beim Musizieren von Popmusik.